24.01.2018

Moderne Sklaverei

Von Sklaven profitieren wir alle

Kein Lohn, kaum Nahrung, viel Gewalt: 40,3 Millionen Menschen sind heute weltweit Sklaven. Sie werden angelockt, arbeiten unter unwürdigen Bedingungen und dürfen sich nicht frei bewegen. Ihre Arbeit nutzt nicht nur den Händlern und Unternehmern, sondern letztlich jedem Kunden.

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Viele Sklaven werden eingesperrt, sie dürfen das Arbeitsgelände nicht verlassen. Foto: istockphoto


40,3 Millionen Sklaven gibt es weltweit. Das heißt: 40,3 Millionen Menschen leben und arbeiten unter menschenunwürdigen Bedingungen. Sie hausen in heruntergekommenen Unterkünften, müssen schwere körperliche Arbeit leisten, haben keinen Anspruch auf Freizeit, arbeiten im besten Fall für einen Hungerlohn und können sich nicht frei bewegen. 40,3 Millionen – wie kann das sein?

„Zwangsarbeit hat mit dem Armuts-problem zu tun, mit der mangelnden Gerechtigkeit in der Welt und mit fehlender sozialer Sicherheit“, sagt Monika Meisterernst von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) in Berlin. Hinzu kommt, dass die Drahtzieher von Sklaverei sich in dem Dickicht der verworrenen wirtschaftlichen Strukturen in unserer globalisierten Welt gut verstecken können.

Am weltweiten Menschenhandel verdient jeder – mit Ausnahme der Sklaven: der Schlepper, die korrupten Justizbeamten und der Käufer selbst. Und so zynisch es klingt: Nie war ein Sklave günstiger. Hatte ein Sklave im 19. Jahrhundert den Wert von umgerechnet mehreren zehntausend Euro, liegt der niedrigste Preis heute schon bei 20 Euro, hat die Walk Free Foundation ausgerechnet.

Um Sklaverei endlich abzuschaffen, müssten Wirtschaft und Politik enger zusammenarbeiten. „Staaten müssen ihre Migrationsgesetze darauf überprüfen, ob sie die Ausbeutung von Migranten und Migrantinnen befördern, und die betroffenen Menschen müssen Zugang zu Beratungsstellen und zu den Gerichten erhalten. Unternehmen müssen außerdem Verantwortung übernehmen für das, was in ihren Liefer- und Wertschöpfungsketten passiert“, sagt Petra Follmar-Otto vom Deutschen Menschenrechtsinstitut.


Bewusst einkaufen und Politiker und Kampagnen gegen Sklaverei unterstützen

Auch deutsche Firmen und letztlich wir Kunden profitieren von der Sklaverei. Fast jeder kauft Produkte, die mit Sklavenarbeit hergestellt wurden: Garnelen, die mit thailändischem Fischmehl gefüttert werden; Smartphones, für die seltene Mineralien aus dem Kongo genutzt werden; Autos, in denen brasilianischer Stahl verbaut wird. Die ILO schätzt, dass der Profit aus Zwangsarbeit jährlich 150 Milliarden US-Dollar beträgt. Jedes Sklaverei-Opfer weltweit erwirtschaftet etwa für jedes der Länder der Europäischen Union knapp 35 000 US-Dollar im Jahr.

Als Kunde sind einem häufig die Hände gebunden, denn kaum ein Siegel umfasst die Arbeitsbedingungen einer gesamten Produktionskette. „Nach dem Fair-Trade-Siegel eine Kaufentscheidung zu treffen, ist aber schon eine gute Möglichkeit“, sagt Follmar-Otto. Ansonsten gilt: möglichst bewusst einkaufen und Aktionen, Kampagnen und Politiker unterstützen, die sich gegen moderne Sklaverei einsetzen.

Der Kampf gegen moderne Sklaverei sei „eine riesige Aufgabe“, sagt Petra Follmar-Otto. „Aber es hat sich in den letzten Jahren vieles geändert. Das Bewusstsein für das Problem ist gewachsen. Es ist natürlich ein langer Weg, aber keiner, den wir jetzt verlassen sollten.“

Von Kerstin Ostendorf