20.10.2017

Weltmissionssonntag: Themenland Burkina Faso

"Wir brauchen mehr Solidarität"

An diesem Sonntag findet der Monat der Weltmission von missio seinen Abschluss. Das päpstliche Hilfswerk mit Sitz in Aachen und München bittet um Spenden für die Arbeit der Kirche in den ärmsten Gegenden der Welt. Beispielland in diesem Jahr ist das westafrikanische Burkina Faso. Zeit für ein Gespräch mit dem Vorsitzenden der dortigen Bischofskonferenz, Paul Yemboaro Ouedraogo. 


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Der Vorsitzende der Bischofskonferenz von Burkina Faso, Paul Yemboaro Ouedraogo. Foto: kna


Herr Erzbischof, in Burkina Faso leben mehrheitlich Muslime, ein Viertel der Bevölkerung sind Christen, dazu kommen Anhänger von Naturreligionen - wie würden Sie das Verhältnis dieser Gruppen untereinander umschreiben?
Der interreligiöse Dialog ist sehr gut verankert in Burkina Faso - bis hinunter in die Stadtviertel oder die Familien, wo man in der gleichen Familie mitunter Katholiken, Protestanten, Muslime und Anhänger von Naturreligionen findet. Wenn es Probleme gibt, dann setzen wir uns zusammen, um einen Kompromiss zu finden.


In der jüngeren Vergangenheit gab es mehrere islamistische Anschläge in Ihrem Land. Belastet das die Beziehungen der Religionen?
Natürlich säen solche Anschläge Misstrauen und Angst. Aber wir tun alles, um nicht in Panik zu verfallen.


Es heißt, dass zumindest ein Teil der Terroristen aus dem Nachbarland Mali kam.
Zu Anfang haben wir gedacht, dass es ein rein auswärtiges Phänomen sei. Aber dann haben wir feststellen müssen, dass gleichwohl einige Burkiner unter den Terroristen waren. Wir müssen diesen Attacken deswegen etwas entgegensetzen, zumindest auf Ebene der Prävention. In unseren Städten und Dörfern gibt es zweifellos Menschen, die anfällig für die Botschaft der Islamisten sind. Wir appellieren deswegen zu Wachsamkeit.


Was kann Kirche gegen die Ausbreitung des Extremismus tun?
Zuallererst die guten Beziehungen zu den Muslimen weiter pflegen und erreichen, dass die Muslime dauerhaft jeglichen Extremismus verurteilen. Extremisten haben noch nie etwas Gutes bewirkt - weder für Muslime, noch für Christen. Das zeigen auch die Anschläge, denen genauso viele Muslime wie Nicht-Muslime zum Opfer fallen. Zugleich warnen wir vor pauschalen Verdächtigungen. Die Mehrheit der Muslime hat mit dem Terrorismus nichts zu tun.


Was unternehmen Sie, um diese Botschaft in der Bevölkerung zu verbreiten?
Ein gutes Beispiel ist die von missio unterstützte "Karawane des Friedens". Da gehen junge Christen und Muslime in die Dörfer, um für ein friedliches Miteinander zu werben. So etwas hinterlässt Spuren, in kleinem Maßstab vielleicht, aber im Endeffekt profitiert die ganze Gesellschaft davon.


Burkina Faso gilt als eines der ärmsten Länder Afrikas - zugleich aber seit dem Sturz des damaligen Staatschefs Blaise Compaore 2014 als vergleichsweise stabil. Sie waren zeitweilig als Übergangspräsident im Gespräch - hätten Sie den Job übernommen?
Auf keinen Fall. Ein Bischof kann das Bewusstsein der Menschen schärfen, Vorschläge für Reformen machen. Aber die Ausführung sollte er denen überlassen, die dafür da sind.


Compaore lebt im Exil in der Elfenbeinküste - seine Kritiker fordern, ihn wegen seiner Versäumnisse im Amt vor Gericht zu stellen. Was halten Sie davon?
Alle, die aus welchen Gründen auch immer fern ihrer Heimat leben, wollen früher oder später gerne wieder zurück. Wenn Compaore nach Burkina Faso kommt, dann sollte er sich auch seiner Verantwortung stellen.


Sie klingen trotzdem skeptisch.
Es gibt die Gefahr, dass man einem Einzelnen zu viel anlastet und sich bei sachlicher Analyse herausstellt, dass derjenige gar nicht für so viel verantwortlich ist. Der Schlüssel heißt Versöhnung. Die kann es nur geben, wenn jeder sich zu seinen Verantwortlichkeiten bekennt. Man muss einander verzeihen, um weiter miteinander leben zu können.


Compaore ist kein Einzelfall. Im Kongo klebt Joseph Kabila an der Macht, in Simbabwe hat der 93-jährige Robert Mugabe gerade angekündigt, für eine weitere Amtszeit zu kandidieren. Kann es sein, dass Afrika ein Problem mit seiner politischen Elite hat?
Ich glaube, ein Problem sind die Perspektiven für ehemalige Staatschefs nach dem Abschied von ihrem Amt. Wenn sie die Macht verlieren, verlieren sie alles - sowohl auf wirtschaftlicher, wie auch auf persönlicher Ebene. Manchmal verlieren sie sogar ihre Freiheit oder müssen um ihr Leben fürchten. Deswegen zögern viele ihren Abschied vom Amt so lange wie möglich hinaus. Man könnte ein Ruhegeld für Präsidenten gesetzlich festschreiben, um die ehemaligen Amtsträger wenigstens wirtschaftlich abzusichern.


Die Angst vor einem finanziellen Absturz kann aber doch unmöglich Gewalt gegen das eigene Volk rechtfertigen.
Genau das macht die Bevölkerung auch immer seltener mit. Schauen Sie sich die Lage in Burundi an. Dort hat Präsident Pierre Nkurunziza gegen die Verfassung eine weitere Verlängerung seiner Amtszeit durchgesetzt. Jetzt verbringt er den größten Teil seiner Zeit damit, den Widerstand gegen ihn zu brechen, anstatt sein Land zu regieren. Das ist bedauerlich.


Von Burundi nach Europa - dort ist der Umgang mit Flüchtlingen aus Afrika zu einem Dauerthema geworden. Was halten Sie von der EU-Flüchtlingspolitik?
Die europäische Afrikapolitik ist sehr vielfältig. Wir würden sie uns etwas solidarischer wünschen. Afrika war für Europa - und die USA - oft nur dann interessant, wenn es darum ging, Rohstoffe abzubauen. Man hat dann Bodenschätze ausgebeutet und sich damit aus dem Staub gemacht. Heute sehen wir, dass die Afrikaner versuchen, nach Europa zu gelangen - und darüber beklagt man sich. Aber was, bitteschön, sollen gerade die jungen Menschen tun? Sie folgen lediglich dem Weg der Rohstoffe, um in Europa Arbeit zu finden.


Sie sind nicht nur Vorsitzender der Bischofskonferenz von Burkina Faso sondern üben dieses Amt auch für die Bischofskonferenz im Nachbarland Niger aus. Dort will die EU Flüchtlinge aus Afrika in zentralen Einrichtungen registrieren - eine gute Idee?
Macht Europa das um sich abzuschotten oder zum Wohl der Flüchtlinge? Da habe ich so meine Zweifel. Und ich frage mich: Wenn diejenigen, die sich jetzt weigern, Flüchtlinge aufzunehmen, selbst gezwungen wären, ihr Land zu verlassen - wären sie dann nicht froh, jemanden zu haben, der sie aufnimmt?


Ein Ziel ist offenbar, bereits im Niger zu prüfen, wer Chancen auf Asyl in Europa hat, um so zu verhindern, dass die Menschen den gefährlichen Weg durch die Wüste nach Libyen nehmen, um von dort bei einer Fahrt über das Mittelmeer erneut ihr Leben zu riskieren.
Mir kommt es eher so vor, als würde man die Menschen im Niger parken, weil da eben Platz ist. Eine solche Initiative kann ich schlecht unterstützen, auch wenn es heißt, dies sei das kleinere Übel. Aber es bleibt ein Übel.


Warum?
Weil damit langfristig rein gar nichts gewonnen ist. Die Menschen kommen in ein Camp, erhalten dort etwas zu essen. Aber die Möglichkeit, zu arbeiten, ein menschenwürdiges Leben zu führen, haben sie dort nicht.


Was also tun?
Wir brauchen mehr Solidarität untereinander. Gott hat uns in die Welt als eine Familie hineingestellt, nicht damit wir unsere Territorien voneinander abgrenzen. Grenzen sind notwendig, aber sie müssen durchlässig bleiben. "Nein, du darfst nicht kommen" - das kann nicht die Lösung sein.

kna