23.05.2017

Christentum in Deutschland

Wie christlich ist Deutschland (noch)?

Die Debatte um eine deutsche Leitkultur, eine „Initiative zur kulturellen Integration“, zu der auch die beiden großen Kirchen gehören. Der große Reformationsgedenkkirchentag in Berlin und Wittenberg. Vor diesem Hintergrund sei einmal gefragt: Wie christlich ist Deutschland?


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Christliches in Deutschland wird diffuser, rückt für viele weiter weg. Blick von der Burg in Nürnberg auf zwei Kirchtürme. Foto: kna

 

Auf einen ersten Blick nimmt die Christlichkeit ab: die Teilnahme an Gottesdiensten, die Wertschätzung kirchlicher Feiertage, die Bedeutung des Kreuzes in öffentlichen Räumen. Entsprechende Umfragen ergeben allein für den Katholizismus folgendes Bild: Nominell ist Deutschland noch zu gut einem Viertel katholisch, bewusst der Kirche verbunden ist aber nur jeder Achte. Tendenz sinkend.

Aber bei vielen bleibt eine Ahnung, die Sehnsucht, ja oft Überzeugung: Es gibt – irgendwie – einen Gott, der im Wesentlichen die Liebe will. Selbst Prominente sprechen darüber, ob und was ihnen Glaube bedeutet, wie sie Kirche erlebt haben. Religion wird zum Thema, weil sie bei uns nicht mehr so selbstverständlich ist wie früher. Andererseits wachsen Bewusstsein und Interesse. Da erzählt ein so rebellisch-linker, hedonistischer Typ wie Konstantin Wecker öffentlich, dass er seinen beiden Jungs erklärt, wie sie mit Gott sprechen können: „wie zu mir oder zu deinen Freunden“.

Vor zwei Wochen präsentierte eine „Initiative kulturelle Integration“, zu der auch die beiden großen Kirchen gehören, 15 Thesen zum „Zusammenhalt in Vielfalt“, darunter: „Religion gehört auch in den öffentlichen Raum.“ Ja, das tut sie. Auch wenn christliche Symbole in der Öffentlichkeit seit Jahren für Diskussionen sorgen, wie zuletzt beim Kreuz auf dem wieder erbauten Berliner Stadtschloss.

Andere der 15 Thesen nennen Respekt, Engagement fürs Gemeinwohl und Bildung: alles wesentliche Themen christlicher Soziallehre und Ethik. Innenminister Thomas de Maizière bezeichnet in seinen zehn Stichwörtern Religion als „Kitt und nicht Keil der Gesellschaft“, lobt den „unermüdlichen Einsatz“ der Kirchen für die Gesellschaft.


Aus der Bibel gelernt: Sünden sind Teil der Geschichte

In der Tat steckt im modernen Wohlfahrtsstaat weit mehr Christliches als oft bekannt. Sozialwissenschaftliche Studien belegen, wie Europas Sozialstaaten wesentlich aus den Impulsen christlicher Nächstenliebe und jüdisch-christlichen Gerechtigkeitsempfindens geprägt wurden. Kombiniert mit – das muss man dazu sagen – dem Erbe der Aufklärung.

These 13 der „Initiative kulturelle Integration“ lautet: „Die Auseinandersetzung mit der Geschichte ist nie abgeschlossen.“ Die ist eines unserer stärksten Vermächtnisse, geerbt aus dem Judentum: Die eigene Geschichte besteht nie nur aus Heldensagen. Dazu gehört ebenso das Wissen um die Verfehlungen, wo das Volk falschen Ideologien gehuldigt und Menschenwürde wie Gerechtigkeit verletzt hat.

Äußerlich mag Christlich-Kirchliches in Deutschland schwinden. Aber der Sauerteig des Evangeliums hat Gesellschaft, Kultur und Recht durchaus wirksam durchdrungen. Und tut es – noch.

Von Roland Juchem