01.11.2017

Anfrage

Warum werden Kanzeln nicht benutzt?

In vielen Kirchen sind zum Teil wunderbar gestaltete Predigstühle. Obwohl dort auch meistens Mikrofone angebracht sind, wird fast nie von dort gesprochen. Warum? M. H., per E-Mail


Der Predigtstuhl – besser bekannt unter „Kanzel“ – ist eine Erfindung des Spätmittelalters. Etwa ab dem 13. Jahrhundert nahm die Predigt einen immer größeren Raum im Leben der Kirche ein – und das durchaus nicht nur im Gottesdienst. Prediger der Bettelorden zogen von Ort zu Ort und predigten auf erhöhten Podesten auf Marktplätzen. Später wanderten die Podeste in die Kirchen hinein und nahmen vor allem in denen der Predigerorden (etwa in denen der 1120 gegründeten Prämonstratenser) einen Gegenpol zum Altar ein.

Die Gründe waren vielfältig. 1. akustisch: Eine Predigt von oben herab in der Mitte des Kirchenschiffs ist vom Volk besser zu verstehen – zumal ohne Mikrofon. 2. räumlich: Predigten fanden damals oft außerhalb der Messe statt; das Kirchenschiff mit der Kanzel war ein eigener liturgischer Raum, unabhängig vom Altarraum. 3. theologisch: Je weniger das Volk kommunizierte und die Messe zur reinen Klerusliturgie wurde, desto mehr verselbstständigte sich die Predigt. Auch wenn sie innerhalb der Messe gehalten wurde, galt sie als eigener Teil in eigener Sprache mit einem eigenen Ort. Das steigerte sich in der Reformationszeit, als die evangelischen Kirchen einen großen Akzent auf die Predigt und einen viel kleineren auf das Abendmahl legten.

Die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils hat diese Trennung von Altar und Kanzel aufgehoben. Die Orte der Verkündigung (Ambo) und der Mahlfeier (Altar) stehen nah beieinander und sind oft künstlerisch aufeinander abgestimmt; beide Orte sind theologisch gleichberechtigt und gehören zusammen. Daher hat seit den 1970er Jahren der Predigtstuhl keine liturgische Bedeutung mehr. Auch will niemand mehr von oben herab auf die Gläubigen, die aufblicken müssen, einpredigen oder sie gar abkanzeln. Genutzt werden Predigtstühle – auch in vielen evangelischen Kirchen – deshalb allenfalls bei kulturellen Veranstaltungen außerhalb von Gottesdienst und Seelsorge.

Von Susanne Haverkamp