22.11.2017

Anfrage

Warum hält die Kirche an der Erbsündenlehre fest?

Warum hält die Kirche an der Erbsündenlehre fest? Jeder weiß doch, dass der Tod ein notwendiges Element der Evolution ist, nicht die Strafe für eine ominöse Ursünde von Adam und Eva. Bitte eine klare Antwort, keine Umdeutungsversuche. F. M., Aachen


Zunächst: Es ist die Aufgabe von Theologie, den Glauben im Licht neuer Erkenntnisse neu zu deuten. Wenn wir glauben, dass in uralten Texten ewige Wahrheit steckt, müssen wir sie stets neu deuten – wenn Sie das „umdeuten“ nennen und negativ bewerten, müssen Sie Theologie an sich ablehnen.

Zur Erbsünde: Das Buch Genesis erzählt eine Geschichte – wie die Bibel überhaupt viele Wahrheiten in Geschichten verpackt; auch eine Spezialität Jesu übrigens. Niemand behauptet heute noch, dass das etwa evolutionstheoretische Abhandlungen sind. Es geht weder um historische noch um naturwissenschaftliche Tatsachen, sondern um die Deutung der Welt und wie es kommt, dass sie ist, wie sie ist.

Die Sündenfallgeschichte (Genesis 3) reflektiert die grundlegende Erfahrung aller Menschen aller Zeiten, dass wir in Bosheit und Schuld verstrickt sind. Immer schon. Niemand kann sich davon ausnehmen. Jeder ist hineingeboren in die Widersprüchlichkeit von Gut und Böse. Böses steckt in jedem. Andererseits, so der Glaube, ist Gott das absolut Gute. Wie kommt also das Böse in die Welt?

Die Antwort gibt die Geschichte vom Sündenfall: Indem „der Mensch“ (Adam: hebr. Erdling; Eva: hebr. Leben) sich Gott verweigert, wird aus dem Paradies Gottes die harte Wirklichkeit. Indem der Mensch, wie der Dogmatiker Theodor Schneider schreibt, dem Wahn verfällt, „von Gott losgerissen und autonom und nur an sich und seinen selbstgesetzten Interessen orientiert“ leben zu können. Immer schon. Erzählerisch formuliert: Seit Adam und Eva.

Warum sollte die Kirche sich von dieser Lehre verabschieden? Hat sich seit Adam und Eva irgendetwas an dieser Verstrickung ins Böse geändert? Ist das Böse, das Menschen der Umstände halber, aber auch aus freiem Willen heraus tun, verschwunden? Gibt es irgendwo eine perfekte neue Schöpfung? Die Kirche sieht das nicht. Und nennt das Erbsünde: die ewige Verstrickung aller ins Böse.

Von Susanne Haverkamp