12.09.2017

Anfrage

Warum erscheint Jesus nicht seinen Gegnern?

Warum ist der auferstandene Jesus nicht vor dem Hohen Rat oder Pilatus erschienen? Das hätte doch überzeugt. K. H. S., Wien


Tja, das fragt man sich in der Tat: Hätte Jesus nicht nach seiner Auferstehung ganz einfach allen beweisen können, dass er der Sohn Gottes ist? Ein Besuch beim Hohen Rat und bei Pilatus, also bei den Mächtigen, die ihn verurteilt haben, aber auch rehabilitieren könnten – und schon wäre alles klar gewesen. Und nicht nur für die Zweifler von damals wäre es klar gewesen: Auch wir hätten es wesentlich leichter, an die Auferstehung zu glauben.

Nun kenne ich natürlich die Beweggründe Jesu nicht, aber ich würde folgende Argumente anführen:

1. Ganz banal: Hätten der Hohe Rat oder Pilatus geglaubt, dass es tatsächlich Jesus ist? Nach Matthäus haben seine Gegner ja schon Argumente gegen die Auferstehung gesammelt: „Seine Jünger könnten ihn stehlen und dem Volk sagen: Er ist von den Toten auferstanden“ (Mt 27,64). Und: „Erzählt den Leuten: Seine Jünger sind bei Nacht gekommen und haben ihn gestohlen“ (Mt 28,13). Eindeutig wäre ein „Auftritt“ vor dem Hohen Rat nicht gewesen.

2. Zumal offenbar der Auferstandene nicht sofort als der gekreuzigte „Jesus von Nazaret“ zu erkennen war. Selbst diejenigen, die mit ihm gewandert waren und an ihn geglaubt hatten, taten sich schwer. Maria von Magdala meinte bekanntlich, es sei der Gärtner (Johannes 20,15); die Emmaus-Jünger erkannten Jesus weder am Aussehen noch an der Stimme (Lukas 24,16); und auch nach Matthäus hatten bei seinem leibhaftigen Erscheinen „einige aber Zweifel“ (Mt 28,17). Der „verklärte Leib“ scheint sich vom irdischen Körper Jesu doch deutlich unterschieden zu haben.

Und 3. ist Glaube Glaube. So wie Jesus vor dem Hohen Rat hätte erscheinen können, könnte auch Gott erscheinen. Im Weißen Haus oder in Syrien oder im Vatikan. Er könnte Blitze schleudern oder aus dem Himmel sprechen – weltweit in allen Sprachen gleichzeitig. Tut er aber nicht. Beweise würden es leichter machen, aber tatsächlich erspart uns weder der Vater noch der Sohn die Anstrengung des Glaubens.

Von Susanne Haverkamp