05.10.2016

Nach Krankheit danken

Von Herzen: Danke!

Geheilt! Die Kranken in den biblischen Lesungen werden vermutlich nicht mehr daran geglaubt haben, dass ihr Aussatz jemals verschwindet, doch es geschieht. Gesund werden –  das wäre doch ein Grund, aus vollem Herzen zu danken. 

 

Mit einem Strauß Blumen Danke zu sagen, fällt oft leichter als mit Worten.
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Das Aachener Klinikum, sagt Walter Dreesbach, ist eine „Moloch-Klinik“. „Hierhin werden von überallher die schwersten Fälle geschickt“, so der katholische Krankenhausseelsorger. „Und manchen wird von den überweisenden Ärzten eine ganz unrealistische Hoffnung gemacht.“ Bitten gibt es deshalb viele. „Ich sehe oft Leute in der Kapelle, die ganz offensichtlich verlernt haben zu beten. Aber die zünden trotzdem eine Kerze bei der Muttergottes an. Das ist so eine letzte Sehnsucht, ein glimmender Docht.“

Und wenn die Hoffnung sich erfüllt? Gibt es dann Dank? „Vielen Leuten fällt es schwer, Dank in Worten auszudrücken“, sagt Dreesbach. „Aber es gibt ihn schon.“ Zuerst an die Ärzte und die Pflegekräfte. „Manche Patienten sind sehr großzügig mit Trinkgeldern und Geschenken.“ Sogar ihm drücken Kranke oder Angehörige manchmal Geld in die Hand, wenn er für die  Krankensalbung ans Bett kommt.  „Und wenn ich ablehne, sagen sie: ‚Nehmen Sie es für die Armen.‘“

Und wie sieht es aus mit Dank an Gott? Nein, ausdrücklich erlebt Walter Dreesbach das selten. „Aber die Blumensträuße, die in der Kapelle stehen, die interpretiere ich mal so.“ Und im Fürbittbuch, da stünden nicht nur Bitten, sondern auch ganz bewegende Danksagungen. „Die Patienten kommen zu keinem von uns, aber wollen ihren Dank doch noch schnell irgendwo lassen.“ Denn schnell müsse es oft gehen. „Da wartet dann unten schon das Taxi oder der Krankentransport; deshalb kommt es oft nicht mehr zu einem persönlichen Gespräch.“ Und außerdem, da macht sich Walter Dreesbach nichts vor: „Die Zahlenverhältnisse im Lukas-evangelium stimmen schon: Zehn werden geheilt und einer dankt.“

Auch die Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz nennt sich „Einrichtung der Supramaximalversorgung“ und ist mit 1500 Betten vergleichbar dem Klinikum in Aachen. „Dank“, sagt Krankenhausseelsorger Erhard Weyer, „findet in unserem Krankenhaus an vielen Stellen statt – auch der Dank an Gott.“

 

„Danken Sie nicht mir, danken Sie Gott“

Als Erstes fällt ihm ein Patient ein, der nach einer kritischen Herz-OP seiner Ärztin überschwänglich danken wollte – so wie Naaman dem „Heiler“ Elischa. Und die Ärztin reagierte wie Elischa. „Sie zeigte nach oben und sagte: ‚Danken Sie nicht mir, danken Sie Gott‘“, erzählt Weyer. Und bei diesem Spruch blieb es nicht. „Der Patient war nicht religiös, aber er hat tatsächlich mich als Seelsorger rufen lassen, um der Sache nachzugehen.“ Sie seien dann ins Gespräch gekommen, auch über Gott. „Am Schluss habe ich gefragt, ob ich seinen Dank in mein Gebet mit aufnehmen sollte. Und das wollte er dann gern.“

Es ist aber nicht nur der Dank für eine gelungene OP, der die Menschen umtreibt. „Wenn ich mit älteren Patienten spreche, dann frage ich oft: ‚Welche Überschrift könnten Sie über ihr Leben setzen?‘ Und viele sagen: ‚Ich glaube, ich kann dankbar sein.‘ Und wenn ich dann frage: ‚Auch Gott?‘, dann nickten sehr viele und oft nehmen wir diesen Dank dann ins Gebet auf.“ Auch am Sterbebett macht Weyer diese Erfahrung: Der Dank der Angehörigen für die guten Zeiten, die sie mit dem Sterbenden erlebt haben, bekommt eine größere Dimension. „Ein Großteil ist nicht dezidiert religiös und betet nicht. Aber den meisten tut es gut, wenn ich für sie bete und danke.“

 

„Wo lassen die, die nicht glauben, ihren Dank?“

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Und noch etwas fällt Pfarrer Weyer ein, wenn er an „Dank im Krankenhaus“ denkt: der jährliche Gottesdienst der Medizinstudenten aus dem Anatomiekurs, die das „Innenleben“ von Menschen nur deshalb kennenlernen können, weil Freiwillige ihren Körper den Studenten hinterlassen haben. „Keiner ist verpflichtet, zum Gottesdienst zu kommen, aber 80 Prozent sind dabei. Es ist ihnen ein Riesenbedürfnis, diesen Spendern zu danken – und das vor Gott in einem Gottesdienst.“ Die Studenten schreiben ihre Gedanken an und ihre Gebete für die Spender auf Karten und sprechen ihre Dankesworte laut aus. „In der Uni käme der Dank an Menschen, die ihren Körper gespendet haben, nicht vor.“

Dankbarkeit für Rettung aus Krankheit oder anderer Not. „Der Theologe Jörg Splett hat mal gefragt: ‚Wo lassen Menschen, die nicht an Gott glauben ihren Dank?‘“, zitiert Pfarrer Walter Dreesbach aus Aachen. Manchmal vielleicht bei anderen Menschen: Ärzten, Pflegern, Angehörigen. Und manchmal ganz still und heimlich in der Krankenhauskapelle.

Von Susanne Haverkamp