23.05.2017

Wie Männer glauben

Stichworte, kein Roman

Gespräche über Glaubens- und Lebensthemen waren lange Frauensache. In Kirchengemeinden kümmerten sich Männer eher um praktische Dinge. Doch zum Glück verändern sich die Rollenbilder. Ein Besuch in einer Männergruppe.


Foto: Ulrich Waschki
Männer unter sich – die Männergruppe aus St. Elisabeth in Osnabrück. Foto: Ulrich Waschki

 

Es sieht fast ein bisschen so aus wie bei einer Besprechung in einem Maschinenbauunternehmen: Männer mit Strickpullovern und karierten Hemden sitzen um einen Konferenztisch. Vor ihnen ein Pott Kaffee oder ein Glas Wasser. Doch auf dem Tisch liegen keine Kalkulationen, keine Baupläne, sondern Kopien von Bildern. Die Männergruppe der St.-Elisabeth-Gemeinde in Osnabrück hat sich zu einem Gespräch über Kreuzwegbilder getroffen. Männer sprechen über Bilder? Erst einmal scheint das kein typischer Programmpunkt für „Männerarbeit“ zu sein. Männer mögen es doch eher praktisch, kernig, handfest. Ja, das auch – aber wer sich mit kirchlicher Männerarbeit befasst, merkt schnell, dass es dabei auch und vor allem darum geht, tradierte Rollenmuster zu verlassen.


„Fang an!“ statt „Wer mag?“

Ein Gespräch über moderne Kreuzwegbilder könnte auch jede Frauengruppe führen. Welches Bild spricht mich besonders an? Woran bleibe ich hängen? Klassische Fragen eines solchen Programmpunktes in kirchlichen Gruppen. Beim Ablauf des Gesprächs sind dann aber doch kleine Unterschiede zu entdecken: „Schaut euch die Bilder an. Zwei Minuten lang. Macht euch ein paar Stichworte dazu, über die wir dann sprechen können. Stichworte, kein Roman“, ermahnt Ludwig Berg, der das Gespräch leitet. Dann zwei Minuten Stille. Mit Filzern schreiben die Männer Stichworte auf Pappkarton. Nach zwei Minuten dann wieder Ludwig Berg: „So, die Zeit ist um. Josef, fängst du an?“ Und Josef fängt an. Kein vorsichtig-rücksichtsvolles Fragen, kein „Wer möchte denn anfangen?“, sondern direkte, klare Ansprache. 

Seit fast 15 Jahren trifft sich die Männergruppe, angeregt durch den damaligen Pfarrer, der selbst als Teilnehmer zur Gruppe dazugehörte. Klassischer Ort für die Männer einer Kirchengemeinde waren lange Zeit Kolping oder KAB. Doch die Aufgaben der Verbände haben sich gewandelt, Kolping etwa konzentriert sich heute sehr stark auf Familienarbeit, und die Arbeitswelt ist längst keine Männerdomäne mehr. So fühlten sich auch die Männer der Gruppe in St. Elisabeth nicht zu Kolping hingezogen, sie suchten etwas Eigenes. 

Foto: Ulrich Waschki
Nach dem Gespräch über Bilder werden
die Männer selbst kreativ. Foto: U. Waschki

In ihrer Gruppe geht es locker zu – 24 Männer gehören dazu, bei den Treffen sind immer um die zwölf dabei. Wer nicht kann oder will, kommt eben nicht. Ohne schlechtes Gewissen oder kritische Bemerkungen. Zwischen Familie, Beruf und anderen Hobbys bleibt eben nicht immer Zeit für das Treffen mit den anderen Männern im Alter zwischen 48 und 83 Jahren. 

Zu Weihnachten haben sich die Männer das Buch „Männerseelen“ schenken lassen. Darüber sprechen sie in diesem Jahr, auf der Suche nach dem eigenen Rollenbild. Dabei reden sie etwa darüber, welche Bilder sie von ihren Eltern übernommen haben. „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“, „ein Junge weint nicht“, hießen die Sprüche damals. Dass Männer über Gefühle sprechen können, Fragen und Unsicherheit zulassen dürfen, war lange verpönt. Männer mussten stark sein. Überhaupt – das Reden war früher eher Frauensache. Solche Rollenbilder gilt es zu überwinden. 

„Männer stecken mitten in einem Anpassungsprozess“, sagt Andreas Heek von der Arbeitsstelle Männerarbeit der Deutschen Bischofskonferenz. Früher klar getrennte Rollenbilder von Frauen und Männern vermischen sich. „Eine solche Vermischung muss aber auch reflektiert werden, daher sind geschlechtsspezifische Angebote sinnvoll“, sagt Heek. 

Das Gemeindeleben ist eher weiblich geprägt. Frauen übernehmen einen großen Teil der ehrenamtlichen Arbeit, sind aktiv in der Katechese, bei der Gottesdienstvorbereitung. „Gottesdienste oder Gemeindeangebote sind deswegen sehr stark auf Frauen ausgerichtet“, sagt Heek. Wenn zu einem Gesprächskreis eingeladen wird, „kommen zu 80 Prozent Frauen“. Männer hielten sich daher eher zurück. Die reine Männerrunde kann helfen, diese Zurückhaltung aufzugeben. Dass das tatsächlich so ist, zeigt ein kleines Beispiel der Männer aus St. Elisabeth. So erzählt ein Mann grinsend von der Frage, die ihm die skeptische Tochter eines Mitstreiters gestellt hat: „Sagt mein Papa da überhaupt etwas?“ Natürlich tut er das. 


Gespräche in der Pause werden tiefer

Die Männer in St. Elisabeth reden miteinander über Glaubens-  und Lebensthemen, sie machen Ausflüge, backen Plätzchen, helfen beim Krippenaufbau. „Einige Angebote sind eher sportlich und gesellig, andere eher gestalterisch, spirituell“, erklärt Ludwig Berg. Durch die gemeinsamen Aktivitäten veränderten sich die Gespräche beim Bier oder Wasser in der Pause, werden tiefer. 

Einen anderen Glauben als ihre Frauen haben die Männer nicht. „Die Inhalte sind gleich“, sagt Heek, „aber die Zugänge sind anders.“ Die Vorstellung von „Gottvater“ ist eine andere, wenn man selbst Vater ist oder sich als Junge und Mann am eigenen Vater orientiert oder vielleicht auch abgearbeitet hat. Viele geschlechts-
spezifische Rollenklischees wachsen sich zum Glück aus. Mädchen dürfen Fußball spielen, Jungs mit Puppen, Frauen Karriere machen, Männer sich um die Kinder kümmern. Die Rollen verändern sich und dennoch bleiben Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Und deswegen tut es manchmal auch gut, nur unter seinesgleichen zu sein.

Von Ulrich Waschki