06.06.2017

Anfrage

Sind "Vater" und "Sohn" gleich - oder nicht?

In unserem Bibelkreis kam die Frage auf, warum Jesus Gott seinen Vater und nicht seinen Bruder nennt. Sind Vater und Jesus doch „gleich“ (gleichzeitig, gleichmächtig, gleichherrrlich), wie es in der Präfation zum Dreifaltigkeitssonntag heißt. K. H. S., Wien


Für eine Antwort muss man ein paar Sachverhalte auseinanderhalten: Zunächst einmal war Jesus von Nazaret ein Mensch jüdischen Glaubens und Mitglied des jüdischen Volkes. Damit waren für ihn zwei Dinge klar: 1. Gott ist unendlich groß und nicht definierbar („Du sollst dir kein Bildnis machen“), 2. in Gebeten kann man Gott durchaus sehr persönlich als „Vater“ anreden. 

Im Lauf seines Lebens hat Jesus eine besonders enge Verbindung zu Gott als Vater entwickelt. Das meint etwa die Taufszene im Jordan mit der Stimme aus den Wolken: „Du bist mein geliebter Sohn …“. Deshalb konnte Jesus seine Sendung so leben, wie er es getan hat.

Erst nach Ostern wurde seinen Jüngern klar: Dieser Mensch Jesus hat nicht nur eine besonders enge Beziehung zu Gott als Vater gehabt. Denn wenn der ihn sogar vom Tod auferweckt, dann ist diese Beziehung so speziell und einzigartig, dass mehr dahintersteckt. 

Entsprechend haben die Jünger – und später die Evangelisten – Jesu Leben weitererzählt und gedeutet: ihn als Propheten, Gottesknecht, Messias, ja sogar Gottessohn bekannt.

Um den christlichen Glauben in der philophisch geprägten griechischen Kultur verständlich zu machen, wurden später die christologischen Dogmen formuliert. Als die Kirche 325 in Nicäa formulierte: Jesus Christus ist „eines Wesens“ mit dem Vater, sprach das nicht gegen die Beziehung von Vater und Sohn, sondern besagte ‚nur‘, dass der Sohn auch göttliches Wesen hat. 

Für Jesus war Gott immer Vater, nie Bruder – das wäre vermessen gewesen: für ihn und seine jüdischen Jünger schlicht „Vielgötterei“.

Von Roland Juchem