06.12.2017

Johannes der Täufer

Schillernde Figur

Keine einnehmende Gestalt: gewaltiger Bart- und Haarwuchs, halbnackt, in der Hand ein altes Buch, zu den Füßen ein blutendes Lamm – so stellt sich Johannes der Täufer auf dem Isenheimer Altar dar. Was wissen wir über ihn?


Foto: wikicommons
Eine der bekanntesten Darstellungen Johannes des Täufers (rechts) schuf Matthias Grünewald für den Isenheimer Altar. Foto: wikicommons


Das Tafelbild von Matthias Grünewald (rechts) will sicher nicht historisch korrekt sein, dagegen spricht schon, dass Johannes hier der Kreuzigung Jesu beiwohnt, zu einem Zeitpunkt also, als er schon längst selbst gewaltsam zu Tode gekommen war. Aber das Altarbild zeigt viele der Eigenschaften und Attribute des Täufers auf, die in verschiedenen historischen Quellen beschrieben werden.


Was die Quellen über Johannes besagen

Zu diesen Quellen zählen alle vier Evangelien, wobei diese unterschiedliche Schwerpunkte in der Beschreibung von Aussehen und Botschaft des Täufers setzen. Außerdem berichtet der Geschichtsschreiber Flavius Josephus, der um etwa 90 nach Christus die jüdische Geschichte von der Schöpfung bis zu seinen Tagen zusammenfasste über ihn. Flavius schreibt, dass Johannes „ein edler Mann war, der die Juden anhielt, nach Vollkommenheit zu streben, indem er sie ermahnte, Gerechtigkeit gegeneinander und Frömmigkeit gegen Gott zu üben und so zur Taufe zu kommen.“ Das klingt nach einem Weisheitslehrer – aber zumindest lässt sich an dieser außerbiblischen Quelle doch die historische Existenz des Täufers nachweisen.

Auch die Evangelien steuern historisch Verwertbares bei. So ist die Geburtsgeschichte im Evangelium nach Lukas zwar sehr stark nach dem Muster alttestamentlicher Geschichten von ähnlich hochbetagten Eltern wie Sara und Abraham oder den Eltern Simsons oder Samuels gestrickt, ziemlich sicher aber kann man ihr die Herkunft des Täufers aus priesterlichem Geschlecht entnehmen: Sein Vater Zacharias wird als Priester beschrieben, der im Tempel Dienst tut.

Über Kindheit und Jugend des Johannes ist sonst nichts bekannt, erst sein Auftreten in der Wüste rückt ihn wieder ins Interesse der Evangelisten. Seine Wirkungsstätte war die Wüste östlich des Jordans, genauer lässt sich das aufgrund biblischer Quellen nur vermuten. Größere Klarheit herrscht dagegen bei seinen Tätigkeiten: „So trat Johannes der Täufer in der Wüste auf und verkündete eine Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden.“ (Mk 1,4–5) Dazu werden dann auch ein paar Äußerlichkeiten des Täufers beschrieben: ein Gewand aus Kamelhaaren, ein lederner Gürtel, Nahrung sind Heuschrecken und wilder Honig. Kein Wunder also, dass er zum Urbild des asketischen Einsiedlers wurde.

Taufe und Gerichtspredigt – beide Tätigkeiten verbinden ihn mit dem Auftreten Jesu, seine Rufe zur Umkehr aber haben vermutlich auch seinen gewaltsamen Tod bewirkt. Der genaue Grund ist historisch ungeklärt: Während bei Flavius Josephus Herodes Antipas den Täufer verhaften lässt, weil er dessen Einfluss auf das Volk und damit politische Unruhen befürchtet, sehen die Evangelisten Markus und Matthäus den Grund für die Inhaftierung in der Kritik des Johannes an der zweiten Ehe des Herodes Antipas. Dieser hatte nämlich seine erste Frau verstoßen, um Herodias, die Frau seines Stiefbruders Herodes, heiraten zu können.


Die vielen Rollen des Täufers

Dass Johannes nicht nur ein Prediger ist, sondern dass er auf diese Weise auch die Linie der alttestamentlichen Propheten fortführt und – im christlichen Sinne – auch an ihr Ende bringt, daran lassen die Evangelisten Markus, Lukas und Matthäus keinen Zweifel. Sie nennen ihn in Anlehnung an Jesaja „Stimme eines Rufers in der Wüste“ und beschreiben ihn wie den Propheten Elija.

Im Lukasevangelium fallen zudem noch andere Eigenheiten auf, wenn seiner Mutter Elisabet vor der Geburt gesagt wird: „Denn er wird groß sein vor dem Herrn. Wein und berauschende Getränke wird er nicht trinken und schon vom Mutterleib an wird er vom Heiligen Geist erfüllt sein.“ Das aber sind Kennzeichen von Gottgeweihten. Der Prophet Samuel und der Richter Simson waren solche, sie ließen sich die Haare nicht schneiden und mieden Verunreinigungen.


Die Beziehung von Johannes und Jesus

Johannes erscheint als herausragende Persönlichkeit, bei der man sich schon fragen muss, wie stark er Jesus geprägt haben mag. Schließlich scheint dessen Botschaft und Taufe ja mindestens von Johannes beeinflusst zu sein. War Johannes vielleicht ein religiöser Konkurrent?

Um diesen Verdacht abzuwenden, lässt der Evangelist Johannes keine Zweifel an der Rolle des Täufers aufkommen und weist alle übertriebenen Erwartungen an ihn streng zurück. Für den Evangelisten hat Johannes nur eine Funktion: Zeuge für Jesus Christus zu sein – womit die Rückkehr zur Johannesdarstellung vom Isenheimer Altar gelingt. Denn dort wird folgender Vers dem Täufer in den Mund gelegt, dessen überdimensionaler Finger geradewegs auf den Gekreuzigten weist: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ (Joh 3,30)

Aber auch die anderen Evangelisten mussten sich darüber Gedanken machen, wie der Täufer zu Jesus stand. Der Evangelist Matthäus bringt daher die Unterordnung so zum Ausdruck, dass er Johannes Jesus vor der Taufe fragen lässt: „Ich habe es nötig, von dir getauft zu werden. Und du kommst zu mir?“


Das Ende: kopfloser Asket, tanzende Sünde

Die Bibel und die bildende Kunst haben Johannes zu einem großen, ein wenig wilden und unbeugsamen Mann gemacht – und so wird er auch im Tod dargestellt. Denn mindestens so häufig wie als Zeuge Christi wird er auch im Moment seiner Enthauptung dargestellt: das alte, urwüchsige Prophetenhaupt, Verkörperung von Gerechtigkeit und Askese, neben der jungen, mitreißenden Tänzerin, der Tochter der Herodias, Verkörperung eines sinnenfrohen und zügellosen Herrscherhauses. Ein kopfloser Frommer und die tanzende Sünde – dieses Gegenbild ist fast zu schön, um wahr zu sein.

Von Christoph Buysch