01.11.2017

Papst Franziskus polarisiert

Richtungsstreit im Internet

Päpste polarisieren, Johannes Paul II. und Benedikt XVI. wie Franziskus. Doch während früher Anhänger laut jubelten und Kritiker leise schimpften, ist es heute beinahe umgekehrt. Und fand Streit früher hinter verschlossenen Türen statt, formieren sich die Truppen heute im Internet.


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Papst Franziskus vor einer Gruppe von Bischöfen aus Lateinamerika: Der Streit zwischen Anhängern und Kritikern wird öffentlich im Internet ausgetragen. Foto: kna


Über 30 000 Unterstützer hat die Initiative „Pro Pope Francis“ inzwischen, Tendenz steigend. „Das kann man nicht mehr übersehen“, sagt Paul Zulehner, früherer Theologieprofessor und Mitinitiator der Kampagne. „Das ist eine sympatische Geste“, sagt dagegen der Kirchenhistoriker Hubert Wolf. „Aber sie geht am Kern der Sache vorbei. Da würde ich von Theologen mehr erwarten. Eine inhaltliche Auseinandersetzung.“

Und darum geht es: Ende September veröffentlichten 62 Priester und katholische Gelehrte aus 20 Nationen im Internet eine „Kindliche Zurechtweisung wegen der Verbreitung von Häresien“ (www.correctiofilialis.org). Darin werfen sie Papst Franziskus im Zusammenhang mit der Enzyklika Amoris Laetitia sieben Häresien vor und bitten Internetnutzer um Unterstützung per Mausklick. „Das ist historisch ein relativ einmaliger Vorgang, dass einem Papst so offen Häresie vorgeworfen wird“, sagt Hubert Wolf. Und dass es weitgehend unwidersprochen bleibt. „Wenn sich unter Papst Joahnnes Paul II. oder Benedikt XVI. gegen eine lehramtliche Entscheidung jemand so aufgelehnt hätte, hätte das harte Strafen bis zur Exkommunikation nach sich gezogen.“

Dass gerade jene Kreise in der Kirche, die zuvor stets Gehorsam gegenüber dem Lehramt eingefordert haben, diesen plötzlich nicht mehr für wichtig halten, nennt Wolf „historisch interessant“. Und fordert, dass die Theologen sich damit auseindersetzen. „Wenn diese Kreise den Primat des Papstes und das ordentliche Lehramt der Kirche abschaffen wollen, dann sollten wir darüber reden.“


„An Amoris Laetitia ist nichts Häretisches“

Und auch über die erhobenen Häresievorwürfe. „Eine Gegenkampagne wie pro-pope-francis.com per Mausklick zu unterstützen, ist eine schöne Sache. Aber eigentlich sollten wir Papst Franziskus inhaltlich stützen, denn an den Aussagen in Amoris Laetitia ist nichts Häretisches. Und das kann man auch nachweisen.“

Eine der vielen Persönlichkeiten, die die Pro-Papst-Kampagne unterstützen, ist der Theologe und Soziologe Karl Gabriel. „Die Initiative ist wichtig, um nicht den katholischen Fundamentalisten, die sich seit Jahren sehr erfolgreich der sozialen Medien bedienen, dieses Feld ganz zu überlassen“, sagt er. Es sei „notwendig, aber natürlich nicht hinreichend“, dass die Unterstützer von Franziskus sich öffentlich äußern. „Natürlich kann nicht ein Klick darüber entscheiden, wer theologisch recht hat, da müssen die Theologen dran arbeiten; aber in unserer Gesellschaft haben die sozialen Medien eine steigende Bedeutung, und deshalb ist es wichtig, sie innerkirchlich für die richtigen Dinge auch zu nutzen.“ Papst Franziskus benötige offenbar Unterstützung. Und die sollte ihm „die schweigende Mehrheit“ durchaus geben. Wenn auch nur durch einen Klick.

Von Susanne Haverkamp