14.12.2017

Chinesische Regierung setzt Zwangsräumungen durch

Peking setzt Arbeiter auf die Straße

Innerhalb weniger Stunden müssen sie manchmal ihre Häuser verlassen: Peking lässt illegale Häuser abreißen und setzt Arbeitsmigranten auf die Straße.

Foto: kna
Eine Wanderarbeiterin mit ihrem Kind in einem Vorort von Peking. In anderen Städten lässt die chinesische Regierung solche Häuser und Wohnungen zwangsräumen. Foto: kna


Guo Jingye hat 20 Jahre in Peking gelebt, sie ist Schneiderin. Doch nun steht sie vor einer ungewissen Zukunft in einer zerstörten Nachbarschaft. Die Bilder von Daxing, einem Viertel im Süden der Hauptstadt, sehen aus, als herrsche dort Krieg. Kleidung, Möbel, zerbrochene Fensterscheiben, Bauschutt liegen auf den Straßen, die kleinen Läden, Cafes, Restaurants, lokale Supermärkte, die sich wie so oft in chinesischen Städten im Erdgeschoss der Gebäude befinden, sind verschlossen - sofern sie noch stehen.

Seit November rollen die Bulldozer durch das Viertel und reißen die Häuser ab. Wenn die Bewohner Glück haben, werden sie drei Tage vorher über die Zwangsräumungen informiert. Manchmal sind es nur wenige Stunden. Überall in den Straßen stehen fassungslos Menschen wie Guo, die bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ihre Habseligkeiten in Plastiktüten und Koffer stopfen.

Mehr als 280 Millionen Chinesen sind vor ein, zwei, drei Jahrzehnten als Wanderarbeiter aus den ländlichen Gebieten in die Städte an der Ostküste geströmt, nach Shanghai, Shenzhen, Peking, um als billige Arbeitskräfte maßgeblich zum Aufschwung des Landes beizutragen. Sie haben Straßen und Häuser gebaut, Schuhe geleimt, Spielzeuge, Küchengeräte, Smartphones zusammengeschraubt und sich zuletzt verstärkt im Servicesektor betätigt, um der wachsenden Mittelschicht das Leben zu erleichtern; als Kurierdienste, mobile Essenslieferanten, als Taxifahrer, Reinigungskräfte und Müllentsorger. Jobs, die sonst keiner machen will.

Viele der Arbeitsmigranten - in Peking sind es geschätzte acht Millionen - leben illegal in den Städten, in ebenso illegal errichteten Wohnungen, oft in den Außenbezirken, wo die Kontrollen laxer sind. In staatlichen Medien und offiziellen Dokumenten werden sie seit einigen Jahren als "low-end population" bezeichnet, als Bevölkerung am unteren Ende der Gesellschaft.

Im Bild moderner Hightech-Städte, die Chinas Zukunft bilden sollen, ist für sie kein Platz. Metropolen wie Peking und Shanghai kommen an die Grenzen ihres Wachstums. So kündigte Peking im September an, seine Bevölkerungszahl 2020 bei 23 Millionen Einwohnern zu begrenzen; zurzeit sind es 21 Millionen Einwohner.

 

19 Menschen starben bei einem Brand in einem illegal errichteten Haus

Eine Tragödie liefert den Behörden dann Mitte November den Anlass, um Zehntausende Wanderarbeiter auf die Straße zu setzen. In einem Kühlraum im Untergeschoss eines Gebäudes in Daxing, für den es offensichtlich keine Betriebsgenehmigung gab, war ein Feuer ausgebrochen; 19 Menschen starben. Nur zwei Tage später kündigte die Stadtverwaltung eine 40-tägige Sicherheitsinspektion an. Die Fotos von verzweifelten Menschen, die Koffer durch die Straßen zerren, vorbei an zerstörten Wohnungsblocks, verbreiteten sich rasch über die Sozialen Medien und lösten empörte Reaktionen aus.

Seitdem kommen Menschen und helfen den Migranten beim Packen. Sie bringen wärmende Suppen, versuchen, eine neue Behausung zu finden. 100 Intellektuelle in Peking unterzeichneten eine Petition und forderten die Behörden auf, die Massenräumung zu stoppen, die sie als Verstoß gegen die Menschenrechte werten. Selbst in den Staatsmedien wurde vorsichtig angemerkt, die Aktion sei überhastet und das Vorgehen im Einzelfall brutal gewesen.

"Ich fühle mit ihnen", sagt Li Yanyan, eine junge Lehrerin, und erzählt, wie die Migranten ihr Leben prägen. "Der Mann, der meine Pakete bringt, ist ein Wanderarbeiter. Der kleine Supermarkt, in dem ich einkaufe, gehört einem Wanderarbeiter. Meine Schuhe und mein Fahrrad werden von einem Wanderarbeiter repariert. Mein Friseur ist ein Wanderarbeiter. 90 Prozent der Dienstleistungen, die ich täglich nutze, erledigen Migranten. Unsere Lebensqualität hängt von ihnen ab."

Doch schon bald sind die meisten Einträge in den Sozialen Medien gelöscht - und für Guo und ihren Mann enden zwei Jahrzehnte Peking. Ihnen bleibt nichts anders übrig, als nach Tianmen zurückzukehren, ihre Heimatstadt in der Nachbarprovinz Hebei. 

kna