14.09.2017

Passen aktive Sterbehilfe und katholische Lehre zusammen?

Orden will Sterbehilfe zulassen

Aktive Sterbehilfe bei psychisch Kranken: Eine belgische Ordensgemeinschaft will ihre Position nicht aufgeben und widersetzt sich dem Vatikan.


Foto: inventaris.onroerenderfgoed.be
Psychiatrisches Zentrum „Dr. Guislain“ der Broeders van Liefde im belgischen Gent
Foto: inventaris.onroerenderfgoed.be


Ein weiterer Höhepunkt des Dramas um die belgischen Ordensgemeinschaft "Broeders van Liefde" (Brüder der Nächstenliebe): Obwohl der Ordensobere in Rom, Rene Stockman, eine Kursänderung bei aktiver Sterbehilfe gefordert hatte, revidierten sie ihre Position nicht. Die Brüder der Nächstenliebe wollen in den 15 Kliniken für psychisch Kranke aktive Sterbehilfe zulassen.

Diesen Standpunkt bekräftigten sie am Dienstag. Sie glaubten "nachdrücklich" daran, dass die veränderte Position zu aktiver Sterbehilfe mit der katholischen Lehre zusammenpasse. Die Position sei aus dem christlichen Grundgedanken entstanden, der in den Kliniken umgesetzt werde. Dafür würden auch Veränderungen und eine Entwicklung in der Gesellschaft miteinbezogen. Dem Verein sei wichtig zu betonen, dass die "Untastbarkeit" des Lebens vor dem Wert der Autonomie stehe. Man wolle bestmögliche Pflege anbieten.

Zusammenbringen will die Organisation christliche Werte und die Möglichkeit zu Sterbehilfe in einem zweigleisigen Pflegeansatz. Zum einen sollen Behandlungsmöglichkeiten und Unterstützung angeboten werden; zum anderen sollen Anfragen nach aktiver Sterbehilfe ernstgenommen und überprüft werden. Pflegepersonal stehe es frei, sich zu beteiligen oder nicht. Der Ordensobere Stockman bedauerte, dass die Organisation in Belgien ihren Standpunkt zu aktiver Sterbehilfe nicht geändert habe. Er sei weiter bereit zu diskutieren - aber nicht über einen "modus vivendi".

Stockman kündigte an, den Vatikan in der letzten Septemberwoche über die aktuelle Situation des Ordens in Belgien zu informieren. Derzeit befindet er sich allerdings in der Demokratischen Republik Kongo. Der Vatikan ist bereits mit dem Thema befasst. Der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, verfasste einen dreiseitigen Brief, der vom Papst genehmigt wurde und auf dessen Grundlage Stockman seine Leute im August aufforderte, ihre Position zur aktiver Sterbehilfe bei psychisch Kranken zu revidieren.

 

Ordensobere droht, dass Kliniken ihre kirchliche Identität verlieren

In einem Interview hatte Stockman bereits zuvor gedroht, dass sich der Orden von der Organisation, die die 15 Kliniken verwaltet, abspalten müsse, wenn sie auf ihrer Position beharre. "Das wäre sehr schlimm, weil 15 unserer psychiatrischen Krankenhäuser ihre katholische Identität verlieren würden."

Seit der Gründung in Gent 1807 engagiert sich der Orden "Broeders van Liefde" besonders in der Pflege von psychisch Kranken. In Belgien betreuen sie 5.500 Patienten und sind in Flandern für ein Drittel der Betten im Bereich psychischer Erkrankungen verantwortlich. Insgesamt hat der Orden weltweit 603 Mitglieder und ist in 31 Ländern aktiv.

Begonnen hatte alles mit einer Pressemitteilung im April. Kernpunkt der Veröffentlichung der Brüder der Nächstenliebe: Man werde aktive Sterbehilfe bei psychischen Leiden künftig nicht mehr ausschließen. Wichtig ist der Absender: der Verein "VZW Provincialaat der Broeders van Liefde". Er ist eng mit dem belgischen Orden verknüpft und offizieller Träger der Schulen und Krankenhäuser. Im Vorstand sitzen 11 Laien und 3 Ordensbrüder, darunter auch der Regionalobere des Ordens in Belgien.

In Belgien ist aktive Sterbehilfe unter bestimmten Bedingungen seit 2002 legal, auch für Menschen mit einem unheilbaren psychischen Leiden. Organisationen fordern jedoch klarere Kriterien, wann sich ein Patient mit einer psychischen Krankheit in einer "medizinisch aussichtslosen Lage" befindet. Wie katholische Einrichtungen dort mit aktiver Sterbehilfe umgehen, ist immer wieder Thema. Im Juni urteilte ein Zivilgericht in Löwen, dass katholische Krankenhäuser und Pflegeheime ihren Patienten aktive Sterbehilfe nicht verweigern dürften.

Warum der Orden im April überhaupt seine Position publik machte, ist unklar. Ein belgischer Kirchenexperte, der seinen Namen nicht nennen will, vermutet, dass finanzielle Fragen hinter dem Richtungswechsel stehen. Vorher habe der Vorstand immer eng mit Stockman, der selbst Flame ist, zusammengearbeitet.

kna