04.01.2016

Anfrage

Menschen "guten Willens" oder "seiner Gnade"?

Wie heißt es im Weihnachtsevangelium richtig: „… Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind“ oder „… auf Erden ist Frieden bei den Menschen seiner Gnade“? Immerhin bedeutet das Unterschiedliches. K. S., Lippoldsberg

Dieser Satz aus dem Lukasevangelium (2,14) ist in der Tat ein auffälliges Beispiel für unterschiedliche Bibelübersetzungen. Ältere, vor allem katholische Übersetzungen beruhten auf der lateinischen Bibelfassung, der Vulgata aus dem 5. Jahrhundert. Neuere Übersetzungen hingegen richten sich nach dem griechischen Urtext, wie er in wissenschaftlich und kirchlich anerkannter Weise aus diversen alten Quellen rekonstruiert worden ist. Und der unterscheidet sich in Einzelheiten von der Vulgata.

In der lateinischen Fassung lautet der zweite Halbsatz: „et in terra pax in hominibus bonae voluntatis“; im griechischen Urtext: „kaì epì ges eiréne en anthrópois eudokías“. Das entscheidende Wort lautet „eudokía“, das lateinisch mit „bona voluntas“ wiedergegeben wird.

Bezogen auf Menschen bedeutet „eudokía“ so viel wie „guter Wille“, bezogen auf Gott so viel wie „Wohlgefallen, Huld, Gnade“. Die entscheidende Frage ist: Worauf bezieht sich „eudokía“ – auf Gott oder auf die Menschen?

Grammatikalisch könnten die Genitive „bonae voluntatis“ und „eudokías“ sowohl auf die Menschen wie auf Gott bezogen werden. Die heutige Bibelwissenschaft bezieht den Ausdruck aber aufgrund außerbiblischer Parallelen auf Gott.

So übersetzte auch die Standardübersetzung ins Englische, die King-James-Bible früher: „toward men of goodwill“; heute hingegen: „goodwill toward men“. Martin Luther schrieb „und den Menschen ein Wohlgefallen“. Verständlicher macht es die Neue Genfer Übersetzung: „… und Frieden auf der Erde für die Menschen, auf denen sein Wohlgefallen ruht.“

Das ist dann auch gemeint mit dem Gesang der Engel, die wie der Chor im antiken griechischen Theater das Geschehen deuten: Mit der Geburt Jesu erweist sich Gottes Herrlichkeit und ereignet sich Frieden auf Erden bei den Menschen, die so Gottes Gnade, Huld, Wohlgefallen erfahren.

Von Roland Juchem