16.11.2017

Welt-Frühchentag

Hannah hatte kaum eine Chance

Als Hannah geboren wurde, standen ihre Überlebenschancen nur bei 50 Prozent. Doch dank fortschrittlicher Medizin hat sie es geschafft.


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Kerstin Herzner mit ihrer Tochter Hannah
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Eigentlich sollte sie noch gar nicht auf der Welt sein. Hannahs errechneter Geburtstermin ist erst der 20. November. Doch aus diesem Stichtag wurde nichts: Das Baby kam rund 16 Wochen zu früh. "Sie ist so unfertig - das war einer meiner ersten Gedanken, als sie da war", sagt Hannahs Mutter Kerstin Herzner. Die 30-Jährige aus dem oberbayerischen Landkreis Eichstätt streicht ihrer Tochter liebevoll über den Rücken. Die Kleine in ihrem rosa Strampler zuckt und hebt ihr Köpfchen. Dass sie nun so lebendig ist, war noch vor kurzem längst nicht abzusehen.

Denn Hannah ist ein Frühchen. "Davon spricht man, wenn das Kind nicht wie normalerweise 40 Wochen im Mutterleib geblieben ist, sondern vor der Vollendung von 37 Schwangerschaftswochen geboren wurde", erklärt Stephan Seeliger. Dieses Schicksal treffe etwa jedes zehnte Neugeborene in Deutschland, ergänzt der Chefarzt und Ärztliche Direktor der Klinik für Kinder und Jugendmedizin in den Kliniken Sankt Elisabeth in Neuburg an der Donau. In der Einrichtung der Katholischen Jugendfürsorge der Diözese Augsburg (KJF) sind Kerstin Herzner und ihre Hannah derzeit untergebracht.

Etwa 50 Prozent Überlebenswahrscheinlichkeit hatte die Kleine bei ihrer Geburt. Und zu 80 Prozent sollte sie behindert sein. "Was allerdings ein dehnbarer Begriff ist", schränkt Seeliger ein. So zeige das Kind bisher keine Auffälligkeiten. Aber viele Frühchen hätten später mit Problemen wie Legasthenie, Aufmerksamkeitsdefiziten und Rechenschwäche zu kämpfen.

"Damit kämen wir schon klar", meint Kerstin Herzner. Warum ihre Tochter bloß so viel zu früh gekommen ist? "Vermutlich lag es an einer Entzündung. Entsprechende Werte hat man bei mir festgestellt." Entzündungen im Mutterleib seien die häufigste Ursache für Frühgeburten, fügt Seeliger hinzu. "Andere Gründe können zum Beispiel Störungen an der Gebärmutter oder der Plazenta oder Mehrlingsschwangerschaften sein. Zudem erhöhen Rauchen und Alkoholgenuss das Risiko für eine Frühgeburt."

Frühgeburt - das hieß für Hannah: Geburt per "eiliger Sektion". Die Ärzte mussten sie mit einem Kaiserschnitt holen, weil sie mit ihren Füßchen Teile der Fruchtblase aus dem Muttermund herausgestrampelt hatte. Bei ihrer Geburt brachte Hannah 610 Gramm Körpergewicht auf die Waage, bei einer Länge von 30,5 Zentimetern. Zum Vergleich: Das "deutsche DIN-Baby", wie Chefarzt Seeliger sagt, wiegt 3.450 Gramm und misst 50 Zentimeter. An diese Werte kommt Hannah inzwischen fast heran: 3.100 Gramm wiegt sie jetzt und ist 48 Zentimeter lang.

Inzwischen hat Hannah zwar den Inkubator gegen ein gewöhnliches Babybett getauscht. Doch weil sie immer noch schwach ist, bekommt sie Muttermilch über eine Magensonde und Sauerstoff durch einen Schlauch. "In drei Wochen können wir das Krankenhaus aber hoffentlich verlassen", sagt Kerstin Herzner.


Schwere Stunden rund um die Geburt

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Stephan Seeliger, Arzt in den Kliniken
Sankt Elisabeth in Neuburg an der Donau
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Die junge Mutter ist nun, da Hannah sich gut entwickelt, frohen Mutes. Aber sie war es auch in den schweren Stunden rund um die Geburt. "Zumindest habe ich immer versucht, nicht daran zu denken, dass Hannah sterben könnte", erzählt sie. Diesen Gedanken habe sie auch verdrängt, als Hannah schon im Alter von vier Wochen eine Gefäß-Operation über sich ergehen lassen musste.

Da war die Kleine indes schon über das Gröbste hinweg: "Die kritischste Zeit sind die ersten fünf Lebenstage", sagt Doktor Seeliger. Noch zu seinen Studienzeiten vor rund 30 Jahren wurden Frühchen erst ab der 28. Schwangerschaftswoche behandelt. Wie weit der Fortschritt noch gehen mag? "Die Grenze zur Lebensfähigkeit liegt heute bei der 23. Schwangerschaftswoche. Viel weiter wird sie wohl auch nicht mehr runtergehen, weil die Lunge des Kindes sich sonst nicht genügend entwickeln kann."

Hannah jedenfalls scheint sich kräftig entwickeln zu wollen. Mit ihren Rosa-Strampler-Beinchen schiebt sie sich nun von Mamas Bauch hoch in Richtung Brust. "Hunger", kommentiert Kerstin Herzner und befüllt die Sonde ihrer Tochter mit abgepumpter Milch. Fürs Stillen ist Hannah eben noch zu schwach. Eigentlich wäre sie ja auch noch gar nicht geboren.

kna