20.09.2017

Bundestagswahl 2017

Frei, geheim und wertvoll

Jeder Wahlberechtigte sollte an diesem Sonntag sein Kreuz setzen – auch deshalb, weil ein freies Wahlrecht nicht selbstverständlich ist. Seit Wochen kämpfen die Kandidaten für ihre Programme: Das Kreuz auf dem Wahlschein ist der Lohn für ihren Einsatz.


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Plakate, so weit das Auge reicht: Mehr als 3000 Frauen und Männer kämpfen um den Einzug in den Bundestag. Foto: imago


Der Wahltag ist das Hochamt der Demokratie. Rund 61,5 Millionen Menschen sind an diesem Sonntag aufgerufen, ihr Kreuz zu machen. Zwei kleine Striche, unscheinbar, auf billigem Papier. Natürlich hat die einzelne Stimme nur wenig Gewicht. Dennoch: Das kleine Kreuz ist es wert, dass man es ernst nimmt.

Denn allgemeine, unmittelbare, freie, gleiche und geheime Wahlen, wie es in Artikel 38 des Grundgesetzes heißt, sind nicht selbstverständlich. Um den Wert solcher Wahlen zu bemessen, muss man gar nicht erst bis zum preußischen Dreiklassenwahlrecht zurückgehen, in dem die Steuerlast für das Gewicht der einzelnen Stimme entscheidend war. Bis ins 20. Jahrhundert hinein waren Frauen von Wahlen ausgeschlossen. In der Schweiz gilt das Frauenwahlrecht sogar erst seit den 1970er Jahren.

Die Nazis beeilten sich nach der Machtübernahme, andere Parteien zu verbieten, um Wahlen endgültig zur Farce zu machen. In der DDR gab es ebenfalls keine freien Wahlen – eine Liste stand zur Abstimmung. Wer die geheim vornehmen wollte und in die Wahlkabine ging, machte sich verdächtig. Und wie viele Menschen gehen noch heute in anderen Ländern auf die Straße oder riskieren sogar ihre Gesundheit, um zu erstreiten, was uns selbstverständlich erscheint?


Kaum Chancen zu gewinnen – und dennoch stellen sich die Kandidaten zur Wahl

Nein, wir können froh und dankbar sein, dass wir wählen dürfen. Doch nicht nur, weil das Wahlrecht ein so kostbares Gut ist, sollten wir es nutzen. Auch die Kandidatinnen und Kandidaten haben es verdient. Mehr als 3000 Frauen und Männer kämpfen in diesen Tagen um den Einzug in den Bundestag, als Direktkandidaten oder auf Landeslisten ihrer Parteien. Unterstützt von zigtausenden Sympathisanten und Parteifreunden. Viele Direktkandidaten greifen dafür sogar tief in die eigene Tasche. Durchschnittlich rund 10 000 Euro bezahlen Kandidaten von CDU/CSU einer Studie zufolge für ihren eigenen Wahlkampf, zusätzlich zu Spenden und Parteigeldern. Doch Geld ist das eine. Viel wichtiger sind Zeit und Engagement. Denn am Ende bekommen nur gut 600 Frauen und Männer einen der begehrten Stühle im Reichstag. Und das auch nur auf Zeit. Für vier Jahre. Danach muss mancher sehen, wo er bleibt.

Für viele Bewerber ist die Kandidatur sogar von vornherein aussichtslos. Und dennoch stellen sie sich zur Wahl – weil sie eine Vision für unser Land haben, weil sie es gestalten möchten. Ob es immer die richtige Vision, das richtige Rezept ist, steht auf einem ganz anderen Blatt. Aber unsere Demokratie lebt davon, dass es diese Politiker gibt. Wie viele sind es etwa in den Gemeinderäten und Kreistagen, die vielleicht eine gewisse lokale Prominenz, aber gewiss keine finanziellen Vorteile erreichen können? Bei aller berechtigten Kritik an Parteienfilz, Karrierismus und  an der Eitelkeit, die auf manchem Wahlplakat besonders zur Schau gestellt wird: Diese Menschen haben es verdient, dass wir am Sonntag zur Wahl gehen. Wer nicht wählt, wer sich nicht engagiert, darf anschließend nicht „auf die da oben“ oder „die da in Berlin“ schimpfen. Jede Stimme zählt.

Von Ulrich Waschki