30.10.2017

Griechisch-orthodoxe Schulen trotzen dem Hass

Es kehrt Alltag in Homs ein

Nach dem Abzug der Dschihadisten kehrt langsam der Alltag ins syrische Homs zurück - auch in die griechisch-orthodoxe Schule der Stadt.


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Schüler der griechisch-orthodoxen Schule in Homs
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Schon vor dem mächtigen Eingangstor zum griechisch-orthodoxen Mädchen-College in der Altstadt von Homs sind Lachen und Rufen zu hören. Es ist ein Oktobertag, auf dem Schulhof stellen die Kinder sich nach einer Pause unter Anleitung der Lehrerinnen in Zweierreihen auf. Nachdem Ruhe eingekehrt ist, geht es zurück in die Klassen. Mädchen und Jungen tragen die gleichen grauen Kittel als Schuluniform.

Schon lange würden in dem eigentlich für Mädchen errichteten College auch Jungen unterrichtet, erzählt Englischlehrerin Majd Traboulsi. Die Al-Ghassania-Schule wurde einst in Bustan al-Diwan, einem der christlichen Viertel der Altstadt von Homs gegründet. In verschiedenen Stadtteilen wurden Zweigstellen errichtet. Nach der religiösen Herkunft der Schüler wird nicht gefragt.

Trotz der Kriege, Aufstände und Unruhen in den vergangenen Jahren sei der Unterricht nie eingestellt worden, fährt Traboulsi fort. Zwischen 2012 und 2014, als bewaffnete Gruppen die Altstadt von Homs kontrollierten, sei der Unterricht in ein anderes, sicheres Stadtviertel verlegt worden.

2015 wurde die Schule renoviert. Heute werden etwa 700 Kinder vom Kindergartenalter bis zur zwölften Klasse und dem Baccalaureat unterrichtet. Vor dem Krieg waren es mehr als 1.500 Schüler. Viele Familien hätten Homs verlassen, um in den Dörfern im Küstengebirge Zuflucht zu suchen. Doch mit jedem neuen Schuljahr kämen mehr Familien zurück: "Verglichen zu 2014/15 geht es uns heute wieder sehr gut", sagt Traboulsi. Nur aus dem Ausland kämen kaum Familien zurück.

 

"Wir tun, was wir können - mit dem, was wir haben"

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Die griechisch-orthodoxe Kirche in Homs blieb von den
Zerstörungen verschont. Foto: kna

Bei Kindern und Lehrpersonal gebe es viele psychische Probleme, doch eine spezialisierte Trauma-Betreuung könne die Schule nicht bieten. "Wir versuchen so gut wie möglich, mit allen Problemen umzugehen", sagt die Lehrerin. Wegen des Krieges und der EU-Sanktionen gegen Syrien seien die Ressourcen der Schule begrenzt: "Wir tun, was wir können - mit dem, was wir haben."

Nur wenige Schritte durch schmale Gassen entfernt liegt das griechisch-orthodoxe Internat. Hier lebten und lernten Schüler, die aus den umliegenden Dörfern in die Stadt kamen. Auch eine Redaktion und eine Druckerei waren in dem Gebäude untergebracht. Zwei Jahre lang war das Internat von Kämpfern besetzt, überall in dem Gebäude sind die Spuren mutwilliger Zerstörung zu sehen. Die Druckerei liegt in Trümmern, Zeitungsstapel sind verbrannt und zu einem bizarren Gebilde verschmolzen. Auf einer Wandtafel ist zu lesen: "Mit Gottes Hilfe konnte diese Schule befreit werden."

Die Schulen sind mit der griechisch-orthodoxen Kirche der 40 Märtyrer verbunden. Wie durch ein Wunder blieb das Gotteshaus von Verwüstung und Plünderung weitgehend verschont, berichtet der Geistliche Andraos Thamer. Vieles konnte 2012 noch in Sicherheit gebracht werden, doch historische Kreuze wurden zerstört, Ikonen gestohlen. Das zur Kirche gehörende Wohnhaus hatten die Dschihadisten als Basis besetzt. Auf dem Kirchhof entfernten sie die Steine und pflanzten Gemüse an. Einer Statue wurden Kopf und Schultern abgetrennt.

Inzwischen sind die Gebäudeschäden repariert, der Statue wurde der Kopf wieder aufgesetzt, das Wohnhaus ist frisch gestrichen und renoviert. Doch als er 2014 nach dem Abzug der Kämpfer erstmals das Haus wieder betreten habe, sei ihr Hass sichtbar und spürbar gewesen, meint Thamer. "Es gibt Menschen, die andere Kulturen und Zivilisationen, die andere Glaubensgemeinschaften nicht akzeptieren", sagt er nachdenklich. Manche Länder und Regierungen hätten das ausgenutzt und mit Hilfe von Medien "Hass und Ignoranz" angefacht. Die Gesellschaft in Syrien zu heilen, werde Zeit und Geduld brauchen, ist er überzeugt. "Wir wollen die Menschen, Häuser und Kirchen, die Gesellschaft mit Liebe wiederaufbauen."

kna