23.03.2017

Wahlen in Bulgarien

Ein Jesuit im ärmsten Land der EU

In Bulgarien – dem ärmsten Land der EU – wird gewählt. Ein Jesuit spricht über Korruption und Hoffnung, Rassismus und Migration. 


KNA
Jesuitenpater Markus Inama im Sozialzentrum Sveti Konstantin. Foto: kna

"Die Hoffnung stirbt zuletzt" - ein Satz wie ein Strohhalm, an den sich mancher in scheinbar ausweglosen Situationen gerne klammert. In Bulgarien ist für viele die Hoffnung schon lange mausetot. Diesem Eindruck widerspricht kaum jemand in diesen Tagen vor der Parlamentswahl am Sonntag - der dritten vorgezogenen Wahl in den vergangenen vier Jahren. Schon gar keiner von denen, die selbst im ärmsten Land der EU noch unter der Armutsgrenze leben. Zum Beispiel Natascha: "Ist doch egal, wen ich wähle - die ändern sowieso nichts." Die 28-Jährige gehört zur Minderheit der Roma und wohnt in einer Machala, einem der vielen Armenviertel der Hauptstadt Sofia, das ausgerechnet den Namen "Nadejda" trägt - was soviel heißt wie "Hoffnung". So ziemlich das, was es dort am wenigsten gibt, wie auch Jesuitenpater Markus Inama feststellt: "Experten, die die Situation in Indien besser kennen, sagen, die Machalas seien kaum besser als Slums in Delhi oder Mumbai".

"Kaum besser als Slums in Delhi oder Mumbai"

Der Ordensmann ist Vorstand der Concordia Stiftung Deutschland, die sich in Bulgarien und Moldawien vor allem um benachteiligte Kinder und Jugendliche kümmert. Zum Beispiel hier im Sozialzentrum Sveti Konstantin, wo auch Natascha die drei ältesten ihrer fünf Kinder jeden Tag hinbringt: Sotir (10), Marian (7) und Janeta (6) sollen es später mal besser haben - genau wie Mariana (3) und Diana (2), die beim Gespräch auf Nataschas Schoß sitzen: "Sie werden es schaffen, nicht so wie ich. Sie werden gute Berufe lernen - und hoffentlich nicht so früh so viele Kinder bekommen."

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Hauskapelle im Sozial- und Jugendzentrum der
Concordia Stiftung in Sofia. Foto: kna

 Die derzeit gut zehn Prozent Roma in Bulgarien werden das Land noch lange intensiv beschäftigen, auch wenn zurzeit allenfalls hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen wird. Experten gehen davon aus, dass in wenigen Jahren der Roma-Anteil unter den jungen Bulgaren bei 50 Prozent liegen wird. Denn zum einen bekommen sie mehr Kinder; zum anderen verlassen immer mehr junge und besser ausgebildete Bulgaren ihre Heimat - in der Hoffnung, woanders ihr Glück zu finden. Natascha bleibt in ihrer Miniwohnung in "Nadejda". Mit ihren fünf Kindern, Ehemann Trajan (30) und dessen Mutter und Großmutter. Ohne Waschmaschine, ohne geregelte Arbeit, ohne allzu große Hoffnungen. Trajan schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. An guten Tagen gibt es abends ein paar Lewa bar auf die Hand, natürlich ohne Kranken- oder Rentenversicherung. Kein Wunder, dass auch Betteln, Stehlen, Drogen und Prostitution weit verbreitet sind, wie Natascha nüchtern feststellt: "Ich kann sogar verstehen, dass Leute ihre Taschen festhalten, wenn ich mit meinen Kindern in den Bus steige." Auch wenn manche Vorbehalte ihre Gründe haben, muss Diliyana Gyurova hier doch energisch einhaken: "Die Roma müssen oft auch zu Unrecht als Sündenböcke herhalten", ereifert sich die Leiterin von Concordia Bulgarien: "Da gibt es viel 'hate speech', viele Vorurteile und auch blanken Rassismus."

Und die Politik? Beim Gespräch im Sozialministerium sitzen gleich sieben "Experten" am Tisch. Und alle weichen aus, drucksen rum, vermeiden klare Antworten, sobald es um die Not der Roma geht und um mögliche Hilfen. "Typisch", sagt Pater Markus: "Jeder Politiker, der sich auf die Seite der Roma stellen würde, würde bei der Wahl sofort etliche Prozentpunkte verlieren." Die Nebenwirkungen dieser Drei-Affen-Politik von "Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen" sind verheerend aus der Sicht politischer Beobachter. Denn statt die tatsächlichen Probleme anzupacken, wurden im Wahlkampf neue Sündenböcke ausgemacht, wie auch Nataschas Reaktion zeigt: "Hoffentlich kommen die Flüchtlinge bald weg. Die bringen nur Krankheiten und sorgen dafür, dass es uns hier noch schlechter geht."

40 Prozent der EU-Gelder verschwinden als "Transaktionskosten"

Dabei, so Pater Markus, "gibt es kaum Flüchtlinge im Land - und die wenigen, die da sind, wollen so schnell wie möglich weg aus Bulgarien". Aber wer selbst nachts zum Plumpsklo auf den Hof muss und sich die dringend notwendige Operation nicht leisten kann, kann schon mal "neidisch werden auf Flüchtlingsheime mit Toiletten und medizinischer Versorgung2, räumt Sozialarbeiterin Gyurova ein. Rassistische Sprüche muss sich auch Abdul Aziz immer wieder anhören. Der 19-Jährige ist aus Ghana geflohen, in Sofia gestrandet und arbeitet jetzt im Sozialzentrum: "Zum Glück hört das meist schnell auf, wenn mich die Leute näher kennenlernen." Als einer der wenigen Flüchtlinge möchte er sogar gerne hierbleiben und am liebsten bald mit dem Informatikstudium anfangen. Zumindest ein kleiner Hoffnungsschimmer inmitten von Armut, Absetzbewegungen und der immer noch grassierenden Korruption? Selbst von investierten EU-Geldern verschwinden im Schnitt 40 Prozent als "Transaktionskosten" in dunklen Kanälen, schätzen Wirtschaftsfachleute, die ihren Namen lieber nicht in den Medien sehen möchten.

"Bei den schlechten Beispielen sind wir halt immer vorne mit dabei", schmunzelt Gyurova mit dem nötigen Galgenhumor, ohne den es noch schwerer auszuhalten sei: "Und Reformen werden seit 27 Jahren bei jeder Wahl versprochen. Das Wort kann keiner mehr hören!" Ganz will die 37-Jährige die Hoffnung aber nicht aufgeben - "auch wenn das manchmal schwer ist". Sonst könnte sie hier nicht weiter arbeiten und sich um die Kinder im Sozialzentrum kümmern, Waisenkinder an Pflegefamilien vermitteln, Jugendlichen einen Ausbildungsplatz besorgen und, wenn es hart auf hart kommt, auch Lebensmittelpakete und warme Pullover verteilen. Ohne die Arbeit der Hilfsorganisationen wäre auch die kommende Generation schon heute verloren, ist sie überzeugt. Aber so kommt ja vielleicht doch noch ein wenig Hoffnung nach "Nadejda". Für Sotir und Marian, für Janeta und Mariana, für Diana und die vielen anderen Roma-Kinder.

kna