03.03.2015

Die "Zehn Gebote" und was sie heute bedeuten

"Du sollst … leben"

Die „Zehn Gebote“ finden sich überall. Etwa auf dem Buchmarkt, wo man „Zehn Gebote der Lebensfreude“ findet oder auch Zehn Gebote „für erfolgreiches Verkaufen“, „für effektive Ernährung“, „für anspruchsvolle Frauen“ oder „für großartiges Golf“. Mit dem Original hat das wenig zu tun.

 

Für diesen Farmer im US-Staat Ohio sind die Zehn Gebote wohl Richtschnur für das ganze Leben. Er schrieb sie weithin sichtbar auf die Stirnseite seiner Scheune. Foto: wikimdia/roseohioresident

Glaubt man Umfragen, dann sind die Zehn Gebote für fast alle ein Begriff. Daran, dass es die Gebote gibt und sie davon schon im Zusammenhang mit Gott und Religion gehört haben, erinnern sich die meisten; dass sie Orientierung für das tägliche Leben bieten, sehen viele; wie sie lauten und was sie bedeuten, wissen die wenigsten.

„Du sollst nicht töten“ ist das bekannteste und womöglich akzeptierteste der Zehn Gebote, die die Bibel gleich an zwei Stellen des Alten Testamentes auflistet; in altägyptischen Traditionen finden Bibelwissenschaftler bald 4000 Jahre alte Nachweise. Welche Brisanz das Tötungsverbot hat, wird etwa angesichts des IS-Terrors deutlich. Und denkt man an die Aussagen von Papst Franziskus in seinem Lehrschreiben „Evangelii Gaudium“, wo er von einem Wirtschaftssystem spricht, das „tötet“, oder in seinen Predigten immer wieder davor warnt, den Nächsten durch Tratsch und Geschwätz mit Worten zu „töten“: Dann sieht man sich schon im eigenen Leben mit dem Tötungsverbot konfrontiert.

Die nur 86 Worte der Zehn Gebote haben im Judentum und im Christentum zentralen Rang. Auch andere Religionen können diese Grundregeln des humanen Zusammenlebens unterstreichen. Selbst Nichtreligiöse sehen sie in ihrer Tendenz als Kern des Humanismus. Und dennoch ist das Wissen um diese Gebote sehr diffus. Leichtfüßig werden sie reduziert auf ein „Du darfst nicht“. So entsteht schnell ein Forderungs- und Verbotskatalog, der von seiner ursprünglichen Absicht abrückt und zur „Erziehungskeule“ verkommt. 

 

Welche Gebote gelten heute als verbindlich?

Denn oft wird der erste Satz überlesen: „Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus“ (Ex 20,2 und Dtn 5,6). Das Wort von der Befreiung steht am Anfang, nicht das der Einengung. Es ist daher kein Forderungskatalog, der abgearbeitet werden müsste. Gottes „Methode“ ist zuerst eine Zusage: „Ich allein bin dein Gott“ und deshalb: „Wähle das Leben!“ (vgl. Dtn 30,19). Gottes Zusage ist nicht unter Vorbehalt, kein „Wenn – dann“, sondern ein „Weil – deshalb“: Weil Gott die Menschen aus den Zwängen befreit hat, deshalb können sie gut miteinander leben. Die wörtliche Übersetzung des „Du sollst“ ist daher ein „Du wirst“.

Beispiel: „Du sollst nicht die Ehe brechen“: Während etwa 95 Prozent der Befragten bei einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen im Jahr 2013 „die Familie“ als höchstes Gut benannten, schätzte nur jeder Vierte dabei die „Institution Ehe“ als „sehr wichtig“ ein: Wo beginnt da der „Ehebruch“? Oder: „Du sollst nicht stehlen“ ist allgemein akzeptiert. Aber die Frage, ob jemand versehentlich zu viel gezahltes Wechselgeld an der Kasse zurückgibt oder die Steuererklärung immer wahrheitsgemäß ausfüllt, beantwortete nur ein kleinerer Prozentsatz mit „ja“. 

Die Meinungsforscher kamen zudem zu dem Ergebnis, dass der „Dekalog“ oft „auf den Kopf gestellt“ werde: Während die Bibel zunächst das Verhältnis zwischen Mensch und Gott ordnet und daraus das zwischenmenschliche Zusammenleben ableitet, sehen gut zwei Drittel der Befragten das anders. Für sie haben die Gebote vor allem im Zusammenleben der Menschen Bedeutung. Nur jeder Siebte hält den Glauben an Gott dabei für „sehr wichtig“. 

Zudem fällt vielen außer den bekanntesten Geboten „Du sollst nicht töten“ und „Du sollst nicht stehlen“ nichts ein. Nur jeder Zwanzigste wusste bei einer Emnid-Umfrage 2004, dass auch der Missbrauch des Gottesnamens oder der Feiertagsschutz in den biblischen Geboten begründet ist. Themen also, die bis heute brisant und aktuell sind in den friedensethischen und gesellschaftspolitischen Debatten. 

 

Die Zehn Gebote als Basis für ein „Weltethos“?

Dies alles kann man beklagen. Man kann Schüler, Erstkommunionkinder oder Firmlinge die Zehn Gebote auswendig lernen lassen, damit sie sie wieder komplett aufsagen können – allerdings mit zweifelhaftem „Erfolg“. Konstruktiver ist es wohl, daran anzuknüpfen, was durch alle Bevölkerungsgruppen und Religionen bleibend vorhanden und akzeptiert ist. 

Das versucht der Theologe Hans Küng, der 1995 sein „Projekt Weltethos“ startete. Verbunden mit der sogenannten „Goldenen Regel“, nach der niemand einem anderen das antun soll, was er nicht auch selbst ertragen will entfaltete Küng „sittliche Koordinaten für den Kompass des Gewissens“, die für alle Menschen – auch jenseits religiöser Bekenntnisse – verbindlich gelebt werden können als Grundlage für den globalen Frieden. 

Zugespitzt wird die Zielrichtung der Zehn Gebote in einem Buchtitel von Journalisten des Hessischen Rundfunks deutlich. Das Buch handelt von der Bedeutung der Zehn Gebote in den ethischen Konflikten der Gegenwart: in Biomedizin und Sterbehilfe, in Fragen der Arbeitswelt, des Konsums und des globalen Wirtschaftens, in der Generationengerechtigkeit und in Fragen der Wahrhaftigkeit in der Mediengesellschaft. Das Buch trägt schlicht und doch ganz existenziell den Titel: „Du sollst ... leben!“

Von Michael Kinnen