25.08.2017

Ein Streifzug durch die Papstgeschichte

Du bist Petrus

Bischof von Rom, Stellvertreter Christi auf Erden, Diener der Diener Gottes – das sind nur einige Titel des Papstes. Ein weiterer: Nachfolger des Apostelfürsten. Ein Streifzug duch die Papstgeschichte von Petrus bis heute.


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Mit dem Schlüssel des Himmelreichs: Figur des Apostels Petrus auf dem Petersplatz im Vatikan. Foto: kna

 

In zwei Metern großen Lettern prangt die Botschaft auf goldenem Grund: „TU ES PETRUS … – Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und dir werde ich die Schlüssel des Himmelreiches geben.“ Hoch oben, gut 50 Meter über dem Hauptaltar des Petersdomes und dem darunterliegenden Petrusgrab, umläuft das Programm des römischen Papsttums den Fuß der mächtigen Kuppel. Dieser Satz aus dem Mund Jesu ist auch einer der Schlüsselsätze des Evangeliums dieses Sonntags. Aber nicht der wichtigste.

Der lautet: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Dieses Bekenntnis des Petrus ist überhaupt erst die Voraussetzung für die Kuppelinschrift, die dort 1605/1606 beim Bau der zweiten Peterskirche angebracht wurde. Erst 260 Jahre später ließ Papst Pius IX. im nördlichen Kreuzarm des Doms das zentrale Bekenntnis anbringen: „O PETRE, DIXISTI: … – Du, Petrus, hast gesagt: Du bist der Christus, des lebendigen Gottes Sohn.“

Vom Fischer zum Papstamt

Es ist eine fast unglaubliche Entwicklung: vom Fischer Simon bis zum heutigen Papstamt, dessen Absolutismus staatsrechtlich den „letzten Restbestand Alteuropas“ repräsentiert, so der Historiker Volker Reinhardt. In seinem Werk zur Geschichte der Päpste schreibt er: Entgegen allem Anschein von ehrwürdiger Tradition, ja Ewigkeit, habe „keine andere Institution … ihre eigene Geschichte so oft und so kreativ erfunden und einen so umfassenden und häufigen Gestaltwandel erlebt wie das Papsttum“.

Das Papsttum selbst versteht sich jedoch zugleich in der Geschichte stehend wie über ihr. Vor allem mit diesem zweiten Aspekt befasst sich Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der unlängst ebenfalls ein Werk über Sendung und Auftrag des Papstes verfasst hat. „Die höchste Verantwortung, die Gott einem Menschen auf Erden überträgt, ist die Mission des Bischofs von Rom“, schreibt er. Größer geht’s nicht.

Das Papsttum, das seinen gesamtchristlichen Anspruch mit dem Evangelium dieses Sonntags begründet, lässt sich auf grundsätzlich zwei Arten verstehen: mit dem Blick auf Finsternisse und Glanztaten, Kuriositäten und Menscheleien der 265 Nachfolger des Fischers aus Galiläa – oder mit dem Blick auf Kontinuität, das theologisch Wesentliche des Petrusamtes, das, so Müller, schon immer versehen war mit Unfehlbarkeit in Kernfragen des Glaubens und dem Vorrang in Fragen der Kirche.

War der heilige Petrus tatsächlich in Rom?

Dass Simon, genannt Kephas/Petrus, bei den Jüngern und Aposteln Jesu wie auch den frühen Christen eine führende Rolle hatte, ist unbestritten. Seine Nachfolge in den Päpsten, wie die Bischöfe in Rom seit dem 5. Jahrhundert genannt wurden, hängt allerdings stark davon ab, ob er tatsächlich in Rom war und dort starb. Gesichert ist seine Anwesenheit in Jerusalem, Cäsarea und Antiochia. Nach dem Jahr 48 verschwindet er aus zeitgenössischen Quellen; knapp 50 Jahre später taucht in Rom die Erzählung auf, Petrus habe in Rom das Martyrium erlitten. Für Reinhardt etwa hat dies „keine historische Beweiskraft“.

Handelt es sich um Legendenbildung, um die Autorität des römischen Bischofs im Streit mit anderen zu stärken? Oder ist die Tradition von Petrus’ Aufenthalt und Tod in Rom doch das Resultat historischer Tatsachen? Wäre er nicht dort gewesen: Fiele dann die gesamte Tradition, Lehre, Geschichte des Bischofs von Rom als Nachfolger des Petrus in sich zusammen? Theologisch schwierig würde es. Denn laut Müller hat der Fischer vom See Gennesaret „den Primat nach Rom mitgebracht und in das Fundament der römischen Kirche eingesenkt“. Die Verbindung von geschichtlichen Ereignissen mit zeitlos gültigen Wahrheiten ist ja gerade etwas spezifisch Christliches. 

Die Päpste sollen Diener des Evangeliums sein

Seine Jünger im Allgemeinen und Simon aus Betsaida im Besonderen beauftragte Jesus damit, sein Evangelium von der Liebe und Barmherzigkeit Gottes zu verkünden, Glaubensgeschwister zu leiten und zu stärken sowie zu binden und zu lösen. Das drohte nicht nur bei Päpsten verschüttet und vergessen zu werden. Kritiker wie Franz von Assisi, Katharina von Siena, Martin Luther und andere haben die zu Fürsten am Tiber mutierten Petrusnachfolger immer wieder daran erinnert: Ihr sollt Diener des Evangeliums Jesu Christi sein.

Und so ziehen sich in der Tat Linien durch, erkennbar etwa auch bei den drei jüngsten, in Persönlichkeit und Amtsstil recht unterschiedlichen Päpsten. Von Petrus: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ über Johannes Paul II.: „Öffnet die Tore weit für Christus“, und Benedikt XVI.: „Wenn wir uns Christus anvertrauen, verlieren wir nichts und gewinnen alles“, bis zu Franziskus: „Der Glaube ist nicht Dekoration, Verzierung. Glauben haben heißt, Christus wirklich in die Mitte unseres Lebens zu stellen.“

Von Roland Juchem