03.11.2017

Allerseelen mit Papst Franziskus

Der Papst gegen den Krieg

Nie wieder Krieg: Papst Franziskus besuchte an Allerseelen einen Soldatenfriedhof nahe Rom.


Foto: kna
Papst Franziskus auf dem Soldatenfriedhof von Nettuno nahe Rom
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Die Herbstsonne schenkte der Bucht bei Anzio noch ein paar warme Strahlen, als Papst Franziskus den Soldatenfriedhof von Nettuno besuchte. Ein Areal von 31 Hektar, darauf marmorne Stelen für 7.861 Gefallene, meist junge Männer. Schweigend und schweren Schrittes, wie unter einer Last, ging der 80-Jährige durch die Reihen, in der Hand zehn weiße Rosen, die er einzeln auf den Kreuzen und Davidssternen niederlegte. Sein Blick, seine Gesten drückten aus, was er später in der Predigt sagte: Nie wieder Krieg.

Es war Allerseelen, der Tag, an dem die katholische Kirche der Toten gedenkt. In früheren Jahren war Franziskus zu Allerheiligen, also am 1. November, jeweils zu einem der großen Friedhöfe Roms gefahren, zum Campo Verano oder der riesenhaften Totenstadt von Prima Porta. Dass er jetzt Nettuno als Ziel wählte, war eine Botschaft: im Angesicht aktueller Konflikte mahnend an das letzte Ziel jedes Menschen im Tod zu erinnern - und angesichts so vieler Toten an die Sinnlosigkeit der Kriege.

Abertausende "zerbrochene Hoffnungen": So nannte Franziskus das, was er auf dem Gräberfeld von Nettuno sah. Und er schob nach: "Nie wieder, Herr." Franziskus brauchte kein Manuskript für das, was er zu sagen hatte. Er sprach von der christlichen Hoffnung, nach dem Tod Gott zu begegnen und einander wiederzusehen. "Die Hoffnung enttäuscht nicht", beharrte er. "Aber die Hoffnung senkt so oft ihre Wurzeln in unzählige menschliche Wunden."

 

Gebet für gefallene Soldaten

"Nie wieder Krieg, nie wieder dieses sinnlose Gemetzel." Nicht zufällig zitierte Franziskus namentlich jenen Papst, der 100 Jahre vor ihm amtierte: Benedikt XV. (1914-1922), den Weltkriegspapst. Nie wieder: "Das müssen wir heute sagen, da wir für alle Toten beten" und "besonders für diese Jungs", sagte Franziskus. "Heute, da die Welt wiederum im Krieg ist und sich vorbereitet, noch stärker in den Krieg zu ziehen. Nie wieder, Herr. Nie wieder. Mit dem Krieg verliert man alles."

Es ist eine Ansicht, die Franziskus wiederholt geäußert hat. Ein "Dritter Weltkrieg" sei bereits im Gang, wenngleich "in Stücken", dezentral, in Form von bewaffneten Konflikten wie auch ungerechten Strukturen, die ebenso Opfer produzieren wie Bomben und Gewehre. Doch neuerdings spricht der Papst noch öfter und eindringlicher von diesem Krieg.

Mitte Oktober empfing er die Kaiser-Karl-Gebetsliga für Völkerfrieden, die eine Gebetsinitiative des letzten österreichischen Kaisers Karl I. (1887-1922) fortführt. Ihn würdigte Franziskus dafür, dass er 1917 als einziger Machthaber Europas Benedikt XV. darin unterstützte, "dem Blutbad des Weltkriegs ein Ende zu setzen".

Vergangenen Samstag verlangte der Papst dann Nachbesserungen beim humanitären Völkerrecht unter Verweis auf jüngere Kriegsgräuel in unterschiedlichen Weltregionen. Am gleichen Tag redete er einem Zukunftskongress für Europa ins Gewissen: Heute werde deutlicher, was für ein zerbrechliches Gut der Frieden sei, sagte er unter Verweis auf ein neues nationales Denken.

 

Warnung vor dem Krieg als Herzensanliegen

Dann bezeichnete er einen möglichen nuklearen Schlagabtausch als "Selbstmord der Menschheit". Das Mahnwort fiel am Montag in der Vatikanbehörde für Entwicklung - die just kommende Woche elf Nobelpreisträger zu einer Tagung über atomare Abrüstung in den Vatikan holt. Als die UNO jüngst ihr Atomwaffenverbotsabkommen vesabschiedete, gehörte der Heilige Stuhl wie selbstverständlich zu den ersten drei ratifizierenden Staaten.

Am Mittwoch schlug Franziskus das Thema nun schon wieder an: Kriege brächten "nichts hervor als Friedhöfe und Tod", sagte er zu Allerheiligen. Augenblicklich mache die Menschheit jedoch den Eindruck, "diese Lektion nicht gelernt zu haben oder nicht lernen zu wollen". Diese Worte wiederholte er in Nettuno. Auswendig. Es muss ihm ein Herzensanliegen sein.

Als der Papst den Ort der Schlacht von Anzio und die US-amerikanischen Gräber verließ und nach Rom zurückfuhr, machte er noch bei den Ardeatinischen Höhlen halt. Dort, am Stadtrand, hatte im März 1944 die deutsche SS 335 italienische Geiseln erschossen. Franziskus schrieb ins Gästebuch: "Das sind die Früchte des Krieges: Hass, Tod, Rache... Vergib uns, Herr."

kna