29.11.2017

20 Jahre Transplantationsgesetz

In der Abwärtsspirale

Seit 20 Jahren hat Deutschland ein Transplantationsgesetz - doch die Enttäuschung ist groß. Hat die Regelung ihr Ziel verfehlt? 


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Seit 20 Jahren hat Deutschland ein Transplantationsgesetz. Auch wenn die Zustimmung zur Organspende steigt, sinken die Spenderzahlen weiterhin.
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"Ich finde, wir haben in Deutschland eines der schlechtesten Transplantationsgesetze Europas." Der Kölner Elmar Sprink (45) lebt seit 2012 mit einem neuen Herzen. 2014 hat er als erster Herztransplantierter den Ironman auf Hawaii absolviert. Die Organspende hat ihm ein neues Leben geschenkt. Und deshalb kann er nicht nachvollziehen, dass die Bereitschaft zur Organspende in Deutschland so niedrig ist.

Vor 20 Jahren, am 1. Dezember 1997, trat das Transplantationsgesetz nach langer Debatte in Kraft. Doch weithin ist die Enttäuschung groß. Denn die Regelung hat das Ziel verfehlt, mehr Organspender zu gewinnen und mehr Menschen ein besseres Leben zu schenken.

Von Jahr zu Jahr dümpelt die Zahl der Spender vor sich hin: Trotz aller Aufklärungs- und Werbekampagnen fielen die Organspenden 2016 auf einen neuen Tiefstwert. 857 Verstorbene spendeten ihre Organe. 2010 waren es noch 1.296. Auf eine Million Einwohner gab es im deutschlandweiten Durchschnitt 10,4 Spender. 2010 betrug die Quote noch 15,9. Im europäischen Vergleich liegt die Bundesrepublik beständig auf den hinteren Rängen.

Manche Kritiker machen dafür die konkrete Ausgestaltung des Gesetzes verantwortlich. Denn 1998 beschloss der Bundestag eine "erweiterte Zustimmungsregelung". Eine Organentnahme ist nur dann möglich, wenn der Verstorbene zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt hat. Hat er sich nicht geäußert, können die nächsten Angehörigen auf der Grundlage des mutmaßlichen Willens des Verstorbenen entscheiden. Andere Länder sind da deutlich rigoroser: Sie setzen den Willen zur Organspende voraus. Und nur, wenn ein Verstorbener zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen hat, fällt er als Spender aus.

 

Freiwilligkeit der Organspende in Deutschland

Eine solche Lösung hat in Deutschland bislang kaum Anhänger: Kirchen und Parteien betonen die Freiwilligkeit der Organspende und fürchten Vertrauensverlust. Abhilfe soll mehr Information bringen: 2012 verpflichete der Bundestag die Krankenkassen, jeden Versicherten regelmäßig über Organspenden aufzuklären und ihm einen Organspendeausweis zuzuschicken. Seitdem ist zwar die prinzipielle Zustimmung zur Organspende gestiegen: Laut Umfragen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung stehen 81 Prozent der Bundesbürger der Organspende positiv gegenüber. Die Zahl der Menschen, die eine Entscheidung in einem Ausweis dokumentiert haben, ist von 22 Prozent 2012 auf mittlerweile 36 Prozent gestiegen. Und trotzdem stecken die Spenderzahlen in der Abwärtsspirale.

Immer wieder wird dafür auch ein Vertrauensverlust verantwortlich gemacht, der durch mehrere Skandale an Transplantationszentren entstanden ist und 2012 bekannt wurde. Doch der medizinische Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), Axel Rahmel, verweist darauf, dass der Negativtrend schon vor dem Skandal einsetzte.

Verantwortlich dafür seien auch "erhebliche Struktur-, Qualifikations- und Qualitätssicherungsdefizite im Transplantationsbereich", argumentiert er. Als Nadelöhr sieht die DSO vor allem die Krankenhäuser. "Wenn dort nicht an die Organspende gedacht wird, dann passiert auch nichts", sagt Rahmel. So gebe es zwar mittlerweile mehr als 1.600 Transplantationsbeauftragte in den rund 1.300 potenziellen Entnahmekliniken. Sie seien aber teilweise für diese Aufgaben nicht freigestellt und müssten ihre Fortbildungen selbst bezahlen, kritisiert der DSO-Mediziner.

Außerdem offenbarten Umfragen unter Medizinern und Pflegepersonal "ein erhebliches Informationsdefizit" zur Organspende, gepaart mit einer "relativ hohen Ablehnung der Transplantationsmedizin". Darüber hinaus führe der hohe wirtschaftliche und personelle Druck dazu, dass die Kliniken das schwierige Thema vernachlässigten.

Für die DSO kann nur eine bessere Zusammenarbeit aller medizinischen Fachgesellschaften, die an der Behandlung am Lebensende beteiligt sind, eine Trendwende bringen und Blockaden beseitigen. Rahmel verdeutlicht das am Beispiel von Patientenverfügungen: Wer darin intensivmedizinische Maßnahmen ausschließe, verhindere eine Organspende - auch wenn der Betroffene das vielleicht gar nicht beabsichtigt habe.

kna

Grafik: kna
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