09.11.2016

Schwieriger als Paulus dachte: der Weg ins Arbeitsleben

Das selbst verdiente Brot

Im Ausbildungsjahr 2016 sind im Handwerk Zehntausende Stellen unbesetzt geblieben. Liegt das an schlechter Werbung? Oder haben die Jugendlichen kein Interesse an ehrlicher Arbeit? Sind sie zu unzuverlässig, zu bequem? „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen ...“ – ein Grundsatz auch für heute?

 

Einen passenden Ausbildungsplatz zu finden und da dann erfolgreich zu arbeiten, fällt nicht allen Jugendlichen leicht. Foto: HWK

„Klassische Handwerksberufe sind für viele Jugendliche heute nicht sehr attraktiv“, sagt Sarah Haase vom Caritas-Jugendhaus „Erfurter Brücke“. Faulheit stecke aber meist nicht dahinter. „Vielfach sind es Unwissen und Unsicherheit. Es fehlt eine Vorstellung von dem Beruf, der hinter der Bezeichnung steckt“, so Haase. Eigentlich sei es Aufgabe der Eltern, gemeinsam mit dem Kind die Zeit nach der Schule vorzubereiten. Doch heute ließen viele Eltern ihre Kinder bei diesem Schritt allein.

Deshalb helfen die Mitarbeiter der „Erfurter Brücke“. Von ihren Lehrern angemeldet, werden hier Jugendliche in arbeits- und praxisbezogenen Seminaren, Projekten und Trainings beraten: Welche Berufe gibt es? Welche davon kommen für mich infrage? Wie bewerbe ich mich richtig? „Unser Fokus liegt auf den benachteiligten Schülern“, erklärt Norbert Graebel. „Diese Jugendlichen kennen aus dem Elternhaus nur wenige Vorbilder aus der Arbeitswelt, sie erhalten wenig Unterstützung und orientieren sich an dem, was sie von den Eltern und ihrem Alltag kennen. Oft passt das gar nicht zu ihren Interessen. Viele bleiben darum unter ihren Möglichkeiten.“

 

„Kein Bock auf Arbeit“ kommt selten vor

Negative Erfahrungen der Eltern im Berufsleben, das soziale Umfeld, in dem viele arbeitslos sind – all das führt bei vielen zu Angst. Das lähmt. Dennoch, so sagen die Mitarbeiter von der „Brücke“ gäbe es nur wenige, die gar kein Interesse an einem Beruf hätten. „Viele zeigen sich zunächst gelangweilt, aber am Ende lassen sie doch erkennen, dass sie etwas aus diesen Tagen hier mitnehmen“, sagt Lisa Kaseletzky. Sie habe es bisher selten erlebt, dass sich Teilnehmer dem Angebot gänzlich verweigern, dass sie grundsätzlich nicht arbeiten wollen. Auch wenn jemand einfach nicht will, müssen die Mitarbeiter der Caritas-Einrichtung das akzeptieren, Konsequenzen hat das nicht – anders als bei staatlichen Sozialleistungen für Erwachsene, die bei Totalverweigerung bei der Arbeitssuche gekürzt werden können. Wer also, wie Paulus es sagt, „arbeiten will“, aber es aus verschiedenen Gründen „nicht kann“, dem wird auf vielfältige Weise geholfen. Wer sich dem verweigert, wird ohne Hilfe sein Leben gestalten müssen. 

Auch wenn junge Leute oft als „Null-Bock-Generation“ betrachtet werden: Die Motivation, „ihr selbst verdientes Brot zu essen“, ist nach den Erfahrungen der „Brücke“-Mitarbeiter größer, als manche Erwachsene glauben. Arbeit als reiner Broterwerb spielt für sie aber kaum eine Rolle. Die meisten wollen eine Arbeit, die sie fordert und fördert, die ihren Interessen und Begabungen entspricht, die sie aus- und erfüllt – und sie nicht acht Stunden an einen Stuhl in einem Großraumbüro fesselt. 

Das weiß auch Lisa Kaseletzky, die Jugendliche auch im Einzelgespräch berät. „Vertrauen schaffen, ist wichtig, denn Berufswahl ist ein Thema, das man nicht mit jedem bespricht. Gerade heute hat mir ein Mädchen erzählt, was sie werden möchte. Gemeinsam haben wir überlegt, welche Qualifikationen sie dafür benötigt und ob es überhaupt Sinn macht, sich darauf festzulegen. Wer einen Hauptschulabschluss hat, sollte nicht unbedingt davon träumen, Ärztin zu werden. Es gibt aber auch zahlreiche pflegerische Berufe, die dem- oder derjenigen gefallen könnten.“

 

Ein besonderer Blick auf die, die nicht ins Schema passen

Die Ideen und Interessen, Anlagen und Stärken der Jugendlichen vor dem Start ins Berufsleben können ganz unterschiedlich sein. Im Text des Thessalonicherbriefes wird das leuchtende Vorbild des Apostels den Gemeindemitgliedern vor Augen gestellt. Doch was zählt ein solches Vorbild in einer Gesellschaft wie der unseren, die frei und offen jedem zugesteht, so zu leben, zu lieben und auch seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wie er es für richtig hält? Steht Paulus hier für die Ausgrenzung derer ein, die nicht ins gängige Gesamtbild passen? 

„Unsere Mitarbeiter hier in der ‚Erfurter Brücke‘ verbindet ganz klar unser christlicher Glaube. Auch dass alle Jugendlichen, egal mit welchem Hintergrund, zu uns kommen können, zeigt unser christliches Profil“, erklärt Norbert Graebel. Der Glaube an Jesus Christus und das Ethos der Nächstenliebe ist Grundlage der Arbeit. Die Mitarbeiter wollen da sein für die Jugendlichen, sie motivieren, sie unterstützen und ihnen Perspektiven für ihr Leben aufzeigen. Dieses Engagement und die christliche Haltung kommen bei vielen Jugendlichen gut an. Auch bei denen, die der Kirche fernstehen. Sarah Haase, Lisa Kaseletzky und Norbert Graebel sind für die Jugendlichen Vorbilder und geben ihnen doch das Gefühl, dass sie nicht in ein Schema passen müssen. Denn eines ist für die drei klar: Auch jemand, der kein Interesse an den gängigen Ausbildungsberufen hat und vielleicht auch schulisch Schwierigkeiten hat, kann im späteren Berufsleben erfolgreich sein. Dafür aber müssen die richtigen Grundlagen gelegt und Weichen gestellt werden und zwar rechtzeitig. 

Von Diana Steinbauer