21.07.2017

Nigeria nach Boko Haram

Das Misstrauen bleibt

Boko Haram hat im Norden Nigerias an Macht eingebüßt. Auch wenn die Menschen langsam zur Normalität zurückkehren, bleibt das Misstrauen. 


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Ein von Boko Haram zerstörtes Kirchengebäude im Bundesstaat Adamawa
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Mal ist es ein abgebranntes Bankgebäude, mal eine zerstörte Kirche oder einer der zahlreichen Checkpoints, die im Norden des Bundesstaates Adamawa noch an die Brutalität der Terrorgruppe Boko Haram erinnern. Doch zweieinhalb Jahre nach der Vertreibung der Islamisten durch das Militär verblassen die sichtbaren Spuren langsam.

In der Kleinstadt Hong sind die einstmals geschlossenen Geschäfte rechts und links der Durchgangsstraße wieder geöffnet. Auf dem Markt von Mubi, der wichtigsten Handelsstadt in der Gegend, reiht sich ein Verkaufsstand an den nächsten. Zahlreiche Binnenflüchtlinge sind zurückgekehrt. Laut Internationaler Organisation für Migration (IOM) gab es in Adamawa im Juni 140.875 intern Vertriebene und somit 2.334 weniger als noch im Mai. Im August 2016 wurden noch 163.559 Vertriebene gezählt.

Hyacinth Anthony Yawati, Priester der Sankt-Paul-Kirche in Sangere, einer Kleinstadt bei Yola, bestätigt das. "Im vergangenen Jahr sind sehr viele Menschen zurückgegangen. Vor einigen Monaten habe ich noch von Anschlägen in Madagali gehört, wo jetzt aber die Armee stärker präsent ist. Deshalb ist es ruhig geworden." Madagali ist der nördlichste Landkreis von Adamawa, der an den Bundesstaat Borno grenzt.

 

"Boko Haram ist noch da. Aber es gibt ein Aufatmen"

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Maji Peterx von der Organisation Carefronting
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Solche Nachrichten sorgen für Erleichterung, erlebt Maji Peterx, der für die Organisation Carefronting mit Sitz in Kaduna den Nordosten Nigerias bereist. Peterx bietet unter anderem Workshops für Menschen an, die aufgrund ihrer beruflichen und ehrenamtlichen Tätigkeit Kontakt zu Terroropfern haben. Sein Eindruck lautet: "Boko Haram ist zwar noch da. Aber es gibt ein Aufatmen, weil die Gruppe längst nicht mehr so stark wie früher ist." Trotzdem spüren beide im Alltag auch: Die Erinnerungen an Flucht, Vergewaltigungen, Misshandlungen und Mord bleiben und werden die Menschen im Nordosten Nigerias noch lange beschäftigen.

Hyacinth Anthony Yawati schließt für einen Moment die Augen: "Einige der Binnenflüchtlinge sind zu mir gekommen und wollten über das Erlebte sprechen. Immer wieder habe ich auch Verletzte besucht." Er muss schlucken. "Was sie gesehen haben, muss der Horror gewesen sein."

Ein Fall hat ihn ganz besonders mitgenommen. "Ich habe eine Frau kennengelernt, die hier in der Nähe studiert. Sie musste miterleben, wie ihre Tochter ermordet wurde. Sie selbst wurde angeschossen und kann nicht mehr laufen." Seitdem besucht er die Frau regelmäßig, erzählt er. Es sei auch gelungen, etwas Geld zum Überleben aufzutreiben. Doch ebenso wichtig sei es, dass überhaupt jemand zuhört. Werde das Erlebte nicht besprochen und aufgearbeitet, könnten sich Hass und Wut immer weiter entwickeln. "Das könnte zu Vergeltungsanschlägen führen", prophezeit der Priester.

 

Misstrauen der Menschen ist spürbar

Offen wollen die wenigsten Menschen darüber sprechen. Hinter vorgehaltener Hand ist jedoch viel Misstrauen zu spüren: Viele Muslime, so schimpfen einige Christen, hätten sich nicht eindeutig gegen Boko Haram positioniert. Wer vor der Gruppe in Richtung Süden geflohen ist, fragt sich oft, was während der Besatzung tatsächlich passierte und wer möglicherweise mit Boko Haram kollaborierte. Generell ist das Misstrauen gegenüber Fremden groß. Wer neu ist, wird zum Bürgermeister geschickt. Der wiederum dürfte dann längst selbst über den Fremden informiert worden sein.

Maji Peterx kennt das Problem aus seiner Arbeit. Sein Ziel ist es deshalb, Rückkehrer und Personen, die nicht geflüchtet sind, zusammen zu bringen. Dafür lädt er ganz unterschiedliche Gesprächspartner ein, steht mit Priestern und Imamen sowie Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren, in Kontakt. "Vielerorts kommt es zu Misstrauen, wenn Menschen keine Plattform haben, um miteinander zu sprechen und sich auszutauschen."

Allerdings, so gibt er zu, ist es ein langwieriges Unterfangen, das in Nigerias Nordosten noch viel Zeit brauchen wird. "Vergebung ist keine einzelne Handlung, sondern ein Prozess." In einigen Orten gebe es allerdings bereits spürbare Verbesserungen. "Ich erlebe, dass die Menschen generell bereit sind, zu vergeben. Das bringt schließlich auch eine große Befreiung."

kna