26.05.2015

Fronleichnamsprozessionen

Aus der Zeit gefallen?

Unlängst in einer Vorstadtgemeinde: „Hat sich die Fronleichnamsprozession als Frömmigkeitsform nicht überlebt?“, fragt ein pastoraler Mitarbeiter. Erstaunen in der Runde. Ein empörtes „Nein“ bei Alteingesessenen. „Irgendwie schon“ meinen andere. 

Mehr Demonstration als Brauchtum: Fronleichnahmsprozession auf der Großen Freiheit im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Foto: Marco Heinen

Was vor rund 750 Jahren begann, wurde über Jahrhunderte zu der Ausdrucksform katholischer Frömmigkeit schlechthin – und Ausdruck antiprotestantischer Haltung. Doch inzwischen hat sich das katholische Verständnis der Eucharistie gewandelt: Wir betrachten Gottes Gegenwart nicht mehr konzentriert auf die Hostie in der Monstranz, nach wie vor „Allerheiligstes“ genannt. Gott ist gegenwärtig in Brot und Wein, in seinem Wort und der feiernden Gemeinde.

Diesen ursprünglichen Glauben hat die Kirche wiederentdeckt. Es hat sogar dazu geführt, dass mancherorts die Prozession vor einer evangelischen Kirche Halt macht zu einem ökumenischen Gebet – gute konfessionelle Nachbarschaft vorausgesetzt.

Im Erfurter Stadtteil Hochheim lädt die katholische Gemeinde St. Bonifatius seit gut zehn Jahren gar zu einer ökumenischen Prozession. Dabei trägt Pfarrer Gert Schellhorn die Monstranz, der evangelische Geistliche ein Evangeliar. Zwar schwankt das Engagement der evangelischen Gemeinde je nach theologischer Haltung ihres Pfarrers. Aber „die Erfahrungen der letzten Jahre waren lebendige und ermutigende“, so Schellhorn.

Während in traditionell katholischen Landen die Prozession noch akzeptiertes Brauchtum ist, wird sie andernorts zur provozierenden Demonstration. Wenn Hamburgs Dompfarrer Peter Mies mit mehreren Hundert Gläubigen aller Herren Länder Christus durchs St.-Georgs-Viertel trägt, ziehen sie vorbei an Schwulenkneipen und Sexshops, machen Station auf dem Hansaplatz, einem Obdachlosentreffpunkt, und gehen durch die Multi-Kulti-Szene der „Lange Reihe“ zurück zum Dom.

 

„Früher haben wir uns nicht herausgetraut“

„Das tue ich schon mit gemischten Gefühlen“, gesteht Mies. Die Station vor der evangelischen Dreieinigkeitskirche mit ökumenischem Gebet ist da fast ein Heimspiel. In Mies’ früherer Gemeinde „haben wir uns nicht rausgetraut“, gesteht er. Da blieb man auf dem Kirchengelände. „Es fehlte die Tradition“, sagt er, „manche fürchteten vielleicht, sich lächerlich zu machen oder zu stören.“

In Zeiten, da viele Religiöses ins Private abdrängen wollen, kann eine Fronleichnamsprozession neue Botschaften transportieren: in Großstädten die Gemeinschaft von Katholiken vieler Kulturen, in pastoralen Großräumen die neue Zusammengehörigkeit einzelner Kirchorte, vielerorts das Bekenntnis: Es gibt uns noch und wir stehen zu unserem Gott. Das darf auch mit neuen Elementen geschehen. Sonst verkommt die Prozession in der Tat zum folkloristischen Relikt, das amüsiert zur Kenntnis genommen wird. Dabei soll sie – wie jeder Gottesdienst – doch unseren Alltag unterbrechen, um Gottes und um unseretwillen.

Von Roland Juchem