11.10.2017

Wie wird das Reich Gottes sein?

Auf jeden Fall anders

Hochzeitsgäste, Winzer, Dirnen und Erntehelfer: In diesen Wochen erzählen die Sonntagsevangelien in Gleichnissen davon, wie Gottes Reich sein wird. Eines kann man wohl sicher sagen: Es wird anders, als viele es erwarten.


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Zwischen hellem Licht und dunklen Schatten: Wie wird es sein im Himmelreich? Foto: istockphoto


Matthäus nennt es das Himmelreich, diesen Herrschaftsbereich Gottes, den viele nach ihrem Tod erhoffen. Wie wird es sein? Wer kommt dorthin? Einige Antworten gab es in den Reich-Gottes-Gleichnissen der letzten Wochen.

1. Wer spät kommt, darf auch noch rein: Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg erzählte vor drei Wochen davon, dass jemand, der nur eine Stunde arbeitet, genauso viel Lohn bekommt wie der, der den ganzen Tag geschwitzt hat. Damit will Jesus sich keineswegs in die Lohnstrukturen seiner Zeit einmischen, er redet vom Himmelreich, davon, dass Gottes Liebe nicht davon abhängt, wie lange jemand im Weinberg des Herrn arbeitet. Oder wie kurz.

Eigentlich ungerecht, wenn derjenige, der sich ein Leben lang für Gott und die Kirche einsetzt, denselben Lohn erhält wie der, der erst auf dem Sterbebett zum Glauben findet. Kann es ein, dass wir guten Kirchgänger in Gottes Reich auch auf die treffen, die sich nur Weihnachten ein bisschen heimelige Stimmung abholen? Wenn der Kurzzeitarbeiter schon einen guten Lohn bekommt: Erwarten wir Engagierten dann nicht zu Recht einen besseren?

Nach menschlicher Logik schon. Eine Vollzeitstelle bringt mehr als ein Halbtagsjob. Aber offenbar kommt die menschliche Logik bei Gott an ihr Ende. „Bist du neidisch, weil ich zu anderen gütig bin?“, fragt der Gutsherr im Gleichnis. Vielleicht muss Gott uns das auch fragen. Vielleicht profitieren wir aber auch von der Güte Gottes.

2. Auch die Bösen haben Chancen: Vor zwei Wochen folgte das Gleichnis von den zwei Söhnen, die zur Arbeit geschickt werden. Einer sagt „Ja, ja“, tut aber nichts, der andere sagt „keine Lust“, geht aber doch. Die Übersetzung liefert Jesus den Zuhörern gleich mit: „Amen, das sage ich euch: Zöllner und Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr!“

Gut, wir haben uns an solche steilen Sätze gewöhnt und beziehen sie nicht auf uns. Sollten wir aber. Denn „die Ältesten“, mit denen Jesus da spricht, kann man durchaus mit den Kirchenvorständen oder Pfarrgemeinderäten unserer Zeit vergleichen. Mit denen, die nicht nur in der Gemeinde das Sagen haben, sondern sich auch redlich um ein gottesfürchtiges Leben bemühen. Wie die Ältesten und Pharisäer: Sie gingen zum Gottesdienst, spendeten ihren Zehnten, folgten den Geboten. Da war es unverschämt, ihnen die Zöllner und Dirnen als gutes Beispiel hinzustellen.

Prostituierte gibt es heute auch noch, Zöllner können Menschen sein, die korrupt sind, Schmiergeld annehmen, lügen und betrügen. Moralischer Abschaum war das damals, heute vielleicht auch. Die sollen eher ins Himmelreich kommen als wir braven Bürger, die Steuern zahlen, Ehrenämter übernehmen, die Gemeinde tragen und alle, die Hilfe brauchen, unterstützen? Unverschämt. Nach menschlicher Logik. Aber die scheint ja bei Gott irgendwie an ihr Ende zu kommen. Vielleicht, weil er tiefer ins Herz sieht als wir. Vielleicht, weil er die Reue des Abschaums höher bewertet als die Zufriedenheit der Guten.

3. Ohne Früchte wird das nichts: Wer jetzt glaubt, Jesus predigt diesen weichgespülten Ich-verstehe-alles-Gott, der hat vergangenen Sonntag nicht zugehört. Das Gleichnis vom Weinberg, der den schlechten Winzern weggenommen und denen gegeben wird, „die Früchte abliefern, wenn es Zeit dafür ist“. Hier spricht er von einem strengen Gott, der sich nicht auf den Nase rumtanzen lässt, der straft: „Das Reich Gottes wird euch weggenommen!“

„Die erwarteten Früchte“, von denen Jesus spricht: Was mag das sein? Gute Werke? Spenden? Glaube? Liebe? Aufopferung? Sonntagsmesse? So genau weiß man es nicht, aber es scheint, als läge die Latte nicht unfassbar hoch. Denn die bösen Winzer, denen das Reich Gottes weggenommen wird, sind schon richtig böse, sie prügeln, misshandeln und töten sogar. Da wundert man sich nicht über Gottes Zorn. Früchte bringen zur rechten Zeit. Das muss offenbar, wer in das Reich Gottes eingehen will. Aber Angst haben muss man davor wohl nicht.

4. Wer nicht will, der hat schon: An diesem Sonntag klingt beides an: die Güte und die Strenge: Der König lädt zum Hochzeitsmahl, aber die Gäste kommen nicht. Zuviel zu tun, kein Interesse. Also holt er neue Gäste heran, „Böse und Gute“ und „der Festsaal füllt sich“. Als aber einer sich nicht angemessen benimmt, wird auch der bestraft. „Denn viele sind berufen, aber nur wenige auserwählt.“

Gott lädt ein, Böse und Gute, Reiche und Arme, von überall her. Kommen muss aber jeder selbst. Und wer nicht will, der hat die Folgen zu tragen. Gott zwingt nicht. Vermutlich lädt er sogar nicht nur einmal, sondern immer wieder ein. Aber irgendwann muss man sich entscheiden: Will ich zum Festmahl Gottes kommen oder nicht? Die kirchliche Tradition nennt das Hölle, das Nichtwollen, das endgültige Nein zur Einladung Gottes. Auch das gehört zur biblischen Botschaft.

5. Hier und Jetzt: Einmal soll es kommen, das Himmelreich. Aber, wie es in einem Kirchenlied heißt: „Die Zeit zu beginnen ist jetzt, der Ort für den Anfang ist hier.“ Deshalb gilt das, was Jesus in seinen Reich-Gottes-Gleichnissen sagt, auch für heute: Seid nicht neidisch, wenn es anderen besser geht. Blickt nicht auf andere herab, die angeblich sozial und moralisch weit unter euch stehen. Bringt Früchte des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe. Sagt ja zur Einladung Gottes. Und dann kommt Gottes Reich im Himmel wie auf Erden.

Von Susanne Haverkamp