27.03.2018

Die Feier der Osternacht

Die Nacht der Nächte

Feuer, Wasser, viele Texte und ganz besondere Gesänge: Die Osternacht ist ein liturgisches Kunstwerk ganz eigener Art. Und eines, das lange dauert. Warum das alles? Ein Überblick über die Riten und was sie bedeuten. 

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In der Osternacht wird die Osterkerze am Feuer entzündet. Foto: kna


Die Feier in der Nacht

Der Name sagt es: Die Osternacht wird  in der Nacht gefeiert. „Vigil“ heißt so eine Feier (nach vigilium: Nachtwache). Nur Ostern ist sie vorgeschrieben und soll sich wesentlich von einer normalen Vorabendmesse unterscheiden. Deshalb lautet die Anweisung im Messbuch: „In der Osternacht erwartet die Kirche nächtlich wachehaltend die Auferstehung des Herrn. Daher soll die ganze Vigil als nächtliche Feier gehalten werden, das heißt erst nach Einbruch der Dunkelheit beginnen und vor dem Morgengrauen des Sonntags enden.“

Die Ostervigil ist – abgesehen von der Feier des Sonntags – die älteste Feier der Kirche. Schon im 2. Jahrhundert ist sie sicher bezeugt und wohl damals schon übernommen aus der Zeit der Apostel. An ihr erkennt man auch die jüdischen Wurzeln des jungen Christentums, denn mit der Ostervigil setzt die Kirche eine alttestamentliche Tradition fort: „Eine Nacht des Wachens war es für den Herrn, als er sie aus Ägypten herausführte. Als eine Nacht des Wachens für den Herrn gilt sie den Israeliten in allen Generationen“ (Exodus 12,42).

Ältere Menschen erinnern sich vielleicht daran, dass die Osternacht noch in den 1950er Jahren am Karsamstagmorgen (!) gefeiert wurde; die Vigil des Anfangs war über die Jahrhunderte immer weiter vorverlegt worden, bis das Trienter Konzil 1570  diesen viel zu frühen Zeitansatz sogar vorschrieb. Erst 1955 wurde die Kar- und Osterliturgie durch Papst Pius XII. neu geordnet und zu den Ursprüngen zurückgeführt.

Zweifellos ist die nächtliche Feier nicht allen Gläubigen – vor allem den ganz jungen und den ganz alten – zuzumuten. Wer es sich allerdings zutraut, sollte nicht aus Bequemlichkeit auf eine andere Messe zurückgreifen. Denn die Ostervigil ist in ihrer ganzen Struktur einmalig und auch für geübte Kirchgänger ergreifend.

 

Das Osterfeuer

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Ein Osterfeuer wird vor der Kirche entzündet.
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Die Ostervigil beginnt mit der sogenannten Lichtfeier, zu der sich möglichst die ganze Gemeinde vor der Kirche am Osterfeuer versammelt – auch wenn man damit seinen Platz in der Kirchenbank verliert. Das Feuer erinnert an die Feuersäule, die beim Auszug aus Ägypten vor dem Volk Israel herzog (Exodus 13,21). Im Kern hat es aber den Sinn, dass an ihm die Osterkerze entzündet wird. Deshalb wird das Feuer gesegnet – eine spätere liturgische Entwicklung, die auch damit zu tun hatte, die Tradition heidnischer Frühlingsfeuer durch eine kirchliche Tradition abzulösen.

Wie bei jedem Segnen einer Sache gilt das Gebet eigentlich den Menschen: „Segne dieses neue Feuer, das die Nacht erhellt, und entflamme in uns die Sehnsucht nach dir, dem unvergänglichen Licht.“ Frühere Bräuche wie etwa, die Asche des Osterfeuers auf Felder zu streuen, sind deshalb eher magisch als christlich.

 

Die Osterkerze

Ihren Ursprung hat die Osterkerze in dem frühchristlichen Brauch, die Nachtfeier durch Kerzen zu erhellen. Neben der schlichten Notwendigkeit von Kerzenlicht sah man in ihnen auch den aus der Todesnacht auferweckten Christus symbolisiert – so dass sich aus vielen Kerzen mit der Zeit eine Christus-Kerze, unsere Osterkerze, entwickelte.

Entsprechend ist die Kerze geschmückt mit dem Kreuz als Heilszeichen, den Buchstaben Alpha und Omega („Christus, gestern und heute, Anfang und Ende“), den Jahreszahlen („Sein ist die Zeit und die Ewigkeit“) und den fünf Wachsnägeln für die Wundmale („Durch seine heiligen Wunden ... behüte und bewahre uns Christus, der Herr“). Und zum Entzünden der Osterkerze heißt es dann: „Christus ist glorreich auferstanden vom Tod. Sein Licht vertreibe das Dunkel der Herzen.“

Eines der eindrücklichsten Elemente der Feier ist das Hineintragen des „Lumen Christi“, des „Lichts Christi“ in die dunkle Kirche, wobei schrittweise die kleinen Kerzen der Gläubigen entzündet werden: Alle haben Anteil am Licht der Auferstehung.

Wenn die Gemeinde sich am Feuer versammelt hat, bildet sich tatsächlich eine Prozession. In ihr ist der Satz Jesu aus dem Johannesevangelium spürbar: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis gehen, sondern er wird das Licht des Lebens haben“ (Johannes 8,12). Klarer kann nicht sein, was die Osterkerze ist: ein Symbol für Christus selbst. Als solche wird sie verehrt, etwa durch Weihrauch.

Am Schluss der Prozession, nach dem dritten Ruf „Lumen Christi – Deo gratias“, findet die Osterkerze ihren Platz auf einem geschmückten Ständer im Altarraum, sozusagen im Blick auf die Gemeinde. Im Altarraum steht die Osterkerze aber nicht nur in der Osternacht. Sie hat ihren Platz dort in der gesamten Osterzeit, also in den sieben Wochen bis Pfingsten, die – unter anderem daran sichtbar – ein einziges großes Osterfest sind.

Erst danach steht die Osterkerze in der Regel neben dem Taufbrunnen und wird ein Jahr lang zu Taufen und Beerdigungsgottesdiensten entzündet. Was danach mit ihr geschieht? Wegwerfen, einschmelzen, in den Schrank stellen? Fragen Sie doch mal in Ihrer Gemeinde nach.

 

Das Exultet

Das Osterlob – nach dem ersten Wort des lateinischen Textes „Exultet“ genannt – ist der feierlichste Gesang des gesamten Kirchenjahres. Vorgetragen wird es vom Diakon, vom Priester oder von einem Kantor.

Die heutige Textfassung stammt aus dem frühen 7. Jahrhundert, aber die Kernbestandteile sind wesentlich älter. In hymnischer Form preist das Lied die Erlösungstat Christi, die die gesamte Weltgeschichte umfasst.

„Dies ist die Nacht“, heißt es immer wieder. Nicht nur die Nacht, „in der Christus die Ketten des Todes zerbrach“, sondern gleichzeitig die Nacht, in der „Adams Schuld bezahlt“ wird, die Nacht, in der Gott „unsere Väter, die Söhne Israels, aus Ägypten befreit“, die Nacht, die „reinigt von Schuld“ und den Trauernden Freude schenkt. Es ist die Nacht der Nächte, die alles neu macht, die die Heils- und Weltgeschichte verändert.

Der zweite Teil des Exultet besingt die Osterkerze, das „Abendopfer“ und die „festliche Gabe“ der Kirche. Zweimal werden die Bienen genannt, die den „köstlichen Wachs“ bereitet haben, mehrfach das Symbol des Lichts, das „das Dunkel der Nacht vertreibt“ und leuchtet, „bis der Morgenstern erscheint, jener wahre Morgenstern, der in Ewigkeit nicht untergeht“.

Die lyrische Sprache und die jahrhundertealten Bilder lassen das Exultet oft unverständlich erscheinen. Gut gesungen kann es aber die Stimmung der Osternacht prägen, die insgesamt oft auf Bilder und Gefühle setzt, statt auf Erklärungen des sowieso Unerklärbaren.

 

Die Lesungen

Mit dem Exultet endet die Lichtfeier, der Wortgottesdienst beginnt – immer noch nur durch Kerzen erhellt. Und der ist nicht nur wegen der vielen Lesungen ungewöhnlich.

Rechts in der Randspalte dieser Ausgabe sind die Lesungen des Ostersonntags abgedruckt – alles andere würde den Rahmen einer Zeitungsseite sprengen. Denn für die Osternacht sind insgesamt neun Lesungen vorgesehen: sieben aus dem Alten Testament, eine aus dem Römerbrief und das Evangelium von der Auferstehung Jesu.

Dass alle sieben Lesungen aus dem Alten Testament vorgetragen werden, kommt in Gemeinden heute selten bis gar nicht vor; vorgeschrieben sind drei. Um die Fülle dieser Lesungen zu verstehen, muss man zweierlei bedenken. Zum einen dauerte die Feier der Osternacht in ihrer Frühzeit wirklich eine ganze Nacht; sie war eine Nacht des Wachens und Betens, des Lesens in der Heiligen Schrift und des Wartens auf den Sonnenaufgang als Symbol für die Auferstehung.

Zum zweiten waren insbesondere die vielen alttestamentlichen Schriftlesungen natürlich nicht nur Zeitvertreib. Vielmehr zeigen sie das, was auch das Exultet schon besungen hat: Die gesamte Weltgeschichte und vor allem die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel zielt auf genau diese eine Nacht.

Deshalb beginnen die Lesungen mit der Schöpfungserzählung. „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ – und hatte das Heil für seine Schöpfung schon im Sinn. Danach folgen zwei Höhepunkte der Geschichte Gottes mit den Menschen: Die verhinderte Opferung Isaaks (Genesis 22,1–18) mit der Verheißung an Abraham „Segnen sollen sich mit deinen Nachkommen alle Völker der Erde“; und der Durchzug durch das Rote Meer (Exodus 14,15–15,1), der wegen seines Charakters als Vorausbild für die Rettung immer gelesen werden muss. „Einst hast du Israel aus der Knechtschaft des Pharao befreit, nun führst du alle Völker durch das Wasser der Taufe zur Freiheit“, heißt es in dem zusammenfassenden Gebet.

Danach schließen sich vier Verheißungen der Propheten Jesaja, Baruch und Ezechiel an. Sie alle erzählen vom zukünftigen Heil, von einer neuen Liebesbeziehung zwischen Gott und Mensch, die alle Völker erfasst. „Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz aus Fleisch ... Ihr werdet mein Volk sein und ich werde euer Gott sein“ (Ezechiel 36, 26–28).

Die markanteste Zäsur hat der Wortgottesdienst nach der letzten alttestamentlichen Lesung: Jetzt erklingt das Gloria, der Lobgesang auf Gott. Das Licht geht an, die Altarkerzen werden entzündet, die Glocken geläutet, oft leitet ein brausendes Orgelvorspiel das jubelnde Gloria ein, das seit Beginn der Fastenzeit verstummt war. Dann wird der Verlauf gewohnter: Das Tagesgebet schließt sich an, dann die neutestamentliche Lesung aus dem Römerbrief (6,3–11), eine der ältesten Taufkatechesen der Christenheit: „Wisst ihr denn nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind?“

Und dann erklingt wieder etwas, das sechs Wochen verstummt war: das Halleluja, der Jubelruf, der die Verkündigung des Evangeliums einleitet und umrahmt. Festlich soll es sein, machtvoll: Halleluja, der Herr ist wahrhaft auferstanden. Je nach Lesejahr A, B oder C wird dann die Auferstehung in der Fassung von Matthäus, Markus oder Lukas verkündet. In diesem Jahr ist Markus dran: „Der Engel sagte zu ihnen: Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten? Er ist auferstanden!“

 

Die Tauffeier

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Mit der Osterkerze wird das Taufwasser geweiht und
anschließend erneuert die Gemeinde ihr Taufversprechen.
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Die Osternacht war in frühchristlicher Zeit der eine und wesentliche Tauftermin. Die Lesungstexte zeigen das heute noch: die Rettung durch das Wasser des Roten Meeres hindurch, die Taufkatechese des Paulus im Römerbrief. Deshalb folgt in jeder Osternacht nach dem Wortgottesdienst die Tauffeier – entweder mit einer tatsächlichen Taufe oder (nur) mit einer  Tauferneuerung der Gemeinde.

In früherer Zeit stiegen die Täuflinge tatsächlich in ein im Boden eingelassenes Taufbecken hinein, um dort untertauchend mit Christus zu sterben und auftauchend mit ihm aufzuerstehen. Diese Symbolik wird aufgegriffen, indem heute bei der Taufwasserweihe die Osterkerze als Zeichen für Christus einmal oder dreimal ins Taufbecken getaucht wird: „Durch deinen geliebten Sohn steige herab in dieses Wasser die Kraft deines Geistes ...“

Findet tatsächlich eine Taufe statt, soll die Taufwasserweihe am Taufstein erfolgen; ansonsten nehmen viele Gemeinden oft nur einen größeren Kessel, in dem das Wasser gut sichtbar für alle im Altarraum geweiht wird. Anschließend dient es für die Erneuerung des Taufversprechens der Gemeinde: Sie bekennt ihren Glauben und wird mit dem gerade geweihten Wasser besprengt – besser, indem der Priester tatsächlich mit dem Wasserkessel und dem sogenannten Aspergill durch die Reihen geht, als nur kurz von vorn zu besprengen.

Was ist nun besser: eine echte Taufe oder nicht? Falls es in einer Gemeinde jugendliche oder erwachsene Taufbewerber gibt, ist eine Taufe sicher gut und sowohl für die Täuflinge wie für die Gemeinde eindrucksvoll; auch, dass die Messe dadurch noch länger dauert, zieht kaum als Gegenargument. Ob es dagegen richtig ist, Kleinkinder und ihre Familien in eine zweistündige Nachtfeier zu zerren, ist fraglich. Der Stress mag da für alle Beteiligten größer sein als die Freude über die Taufe.

Mancherorts wird ein Teil des frischen Taufwassers in ein Gefäß gefüllt, aus dem man sich Wasser für das eigene kleine Weihwasserbecken zu Hause abfüllen kann – ein Brauch, der allerdings seltener wird.

 

Die Osterkommunion

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Früher empfingen viele Katholiken nur in der 
Osternacht die Kommunion. Foto: kna

Nach der Tauffeier folgt der vierte Teil der Osternacht, die Eucharistiefeier. Früher hatte die Osterkommunion einen hohen Stellenwert: Nicht wenige Katholiken empfingen nur an diesem Tag den Leib Christi. Seit die Kommunion für Kirchgänger üblicherweise jeden Sonntag dazugehört, ist diese frühere Bedeutung aber zurückgegangen.

In manchen Gemeinden gewinnt die Osterkommunion allerdings dadurch einen größeren Stellenwert, dass sie in dieser Feier ganz bewusst unter beiderlei Gestalten ausgeteilt wird, also auch in der des Kelches, aus dem getrunken (Bild) oder in den die Hostie eingetaucht wird.

Das Argument, dass bei einer großen Gottesdienstgemeinde die Kelchkommunion lange dauert und praktisch schwierig ist, kann nur begrenzt überzeugen: Die Osternacht ist eine besondere Feier, in der durch die bei uns nicht ständig geübte Kelchkommunion auch der eucharistische Teil noch einmal einen eigenen Akzent bekommen könnte. Sonst besteht die Gefahr, dass in Anbetracht der besonderen und eindrücklichen Riten am Beginn des Gottesdienstes die Feier gerade dann in gefühlte Normalität abflacht, wenn ihr Kern, nämlich die Eucharistie erreicht ist.

 

Die Agape

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In vielen Gemeinden ist es Tradition geworden,
nach der Osterfeier noch zusammenzubleiben 
und gemeinsam etwas zu essen und zu trinken.
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In vielen Gemeinden ist es Tradition geworden, nach der Osternacht zu einem nächtlichen oder frühmorgendlichen Osterfrühstück zusammenzubleiben. Osterbrot, Eier, Osterlämmer oder – je nach Tageszeit – der erste Schluck Wein nach der Fastenzeit nehmen die altchristliche Tradition der Agape auf. Denn damals war es üblich, das eucharistische Mahl mit einem gemeinschaftlichen Liebesmahl (agape, griech.: Liebe) zu verbinden.

Auch für heutige Gemeinden ist es ein schönes Zeichen, nach der Feier des Kerns unseres Glaubens noch eine Weile zusammenzubleiben, um der Osterfreude auch auf ganz irdische Weise Ausdruck zu geben.

 

Von Susanne Haverkamp